Michael C. Ruppert

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Thomas Immanuel Steinberg

Dicks Trick

High-Noon im Dschungel der Weltpolitik: Ein wilder Kerl tritt gegen den US-Vizepräsidenten Richard »Dick« Cheney an. 

In San Francisco, Market Street 595, residiert die älteste und größte politische Vereinigung der USA: der Commonwealth Club of California. Ex-CIA-Direktor James Woolsey hat vor den Mitgliedern gesprochen, Präsidentschaftskandidat John Kerry und Joseph Lieberman, ehemaliger Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten. Norman Mailer war als Redner zu Gast, Madeleine Albright und König Abdullah II. von Jordanien. Am 31. August trat ein Mann vors Club-Publikum, der nicht zur herrschenden Elite gehört: ein früherer Polizist und Detektiv, ein Mann »aus der Wildnis«.

Die von Michael C. Ruppert betriebene Internetseite »From the Wilderness« hat 15 000 Besucher pro Tag. Ruppert bezeichnet sich als »Mapmaker«, als Karthographen der US- und der Weltpolitik. Die Karte, die er dem distinguierten Westküstenpublikum an diesem Abend präsentierte, verdächtigt ohne Umschweife den US-Vizepräsidenten Richard Cheney als Haupttäter der Massenmorde vom 11. September 2001. Cheney habe die Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon geplant; habe am 11. September an der Spitze eines separaten Befehls-, Durchführungs- und Kommunikationssystems gestanden; habe mit seiner Truppe sowohl das zuständige Nationale Militärische Kommandozentrum (NMCC) mit Sitz im Vereinigten Stab der Waffengattungen im Pentagon ersetzt als auch das Krisenzentrum im Weißen Haus. Er habe sich dabei auf den US Secret Service gestützt, der just in dem Bunker, in den Cheney und Condoleezza Rice Regierungsangaben zufolge nach dem Südturm-Crash flüchteten, alle Ereignisse auf Radarschirmen verfolgte.

Michael C. Ruppert

Ruppert erklärte, er werde seine Behauptungen in dem Mitte Oktober erscheinenden Buch über den »Fall des amerikanischen Imperiums am Ende des Ölzeitalters« beweisen. Er werde aufzeigen, daß der US Secret Service im »Krisenfall« Hoheit über alle militärischen und zivilen Einrichtungen der Vereinigten Staaten habe; daß Cheney am 11. September direkte Befehlsgewalt über alle Einsätze der Federal Emergency Management Agency (FEMA) und des nordamerikanischen Luftüberwachungskommandos (NORAD) gehabt habe; daß die Flugübungen unter dem Code-Namen »Tripod II« am 10. September, einen Tag vor den Attentaten, unmittelbar mit Cheneys Oberkommando verknüpft waren; daß der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani gewußt habe, wann der zweite Flug auf das World Trade Center Lower Manhattten erreichen würde, ohne eine Warnung auszugeben. Ein militärischer Bediensteter habe in der Not seinen Posten verlassen und telefonisch seinen Bruder gewarnt, der im Center arbeitete.

Sein Buch werde zudem Beweise enthalten, daß die israelische und die britische Regierung bei der Vorbereitung der Attentate und wohl auch bei ihrer Durchführung mit höchsten Regierungsstellen der USA zusammengearbeitet hätten. Vor dem Commonwealth-Club zog Ruppert Verbindungen zur Verhaftung des Sohns von Margret Thatcher, Mark Thatcher, in Südafrika und schließlich zur weltweiten Ölverknappung und zur Finanzierung des US-Imperiums durch das fast ungebrochene Dollarmonopol im Weltölhandel. Die Nachfrage werde in Kürze die technisch mögliche Ölfördermenge überschreiten. Parallel dazu gehe es ums Erdgas. Öl und Erdgas seien unabdingbar für den westlichen Lebensstil. Kunstdünger würden aus Erdgas hergestellt, Pflanzenschutzmittel aus Erdöl. Jede Bewässerung, alles Pflügen, Ernten und Befördern bedürfe des Öls oder Gases. 600 bis 700 Millionen Autos gäbe es weltweit, die Nachfrage steige explosionsartig.

In der Sicherung der Öl- und Gasreserven für das bedrohte US-Imperium läge das Motiv Cheneys und seiner Mittäter: Erst der 11. September 2001 habe propagandistisch den Weg frei gemacht zur Unterwerfung aller Gebiete der Welt, die Öl besitzen oder für den Öltransport strategische Bedeutung haben. Die US-Angriffe in Mittelasien und im Irak, die US-Interventionen in Nigeria und anderen westafrikanischen Staaten sowie in Lateinamerika dienten der Sicherstellung von Öl und Gas.

Ruppert, das zeigt seine Website, recherchiert sorgfältig. Er meidet Spekulationen über physikalisch komplizierte Fragen wie die Wirkung von Hitze auf Wolkenkratzer. Er hält sich an Veröffentlichungen anerkannter Presseorgane, vorliegende Untersuchungsberichte und amtliche US-Verlautbarungen. Ins Berliner Tempodrom kam er Anfang September vorigen Jahres als ein Yankee, wie er im Buche steht: Klare Aussagen, schnörkellose Formulierungen, freundlich und aufmerksam, auf jede Publikumsfrage hatte er eine bedenkenswerte Antwort – ein Typ, der Bäume fällen und daraus eine Blockhütte bauen kann; dir aber auch noch erklärt, wie du Greenhorn ihm dabei zur Hand gehen kannst: »a guy from the wilderness«. Sein in Kanada erscheinendes Buch könnte eine Schneise in den weltpolitischen Dschungel schlagen.

* Michael C. Ruppert: Crossing the Rubicon – The Decline of the American Empire at the End of the Age of Oil. New Society Publishers, Canada, 600 Seiten, 22,95 US-Dollar - 

Erschienen in der jungen welt vom 11. September 2004. Dank für den Hinweis an Werner Krämer vom Prenzlberg,

T:I:S, 12. September 2004 

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