CIA als roter Hering

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Vom KZ Dachau über die Harvard University nach Abu Ghraib

Der Steh-Appell und die Menschenversuche der CIA

 

Egmont R. Koch hat über die Menschenversuche der CIA im besetzten Deutschland geschrieben. Michael Wechs und sein Buch erschien 2002 bei Bertelsmann. Es enthüllte: Die CIA hat sich die Ergebnisse der Menschenexperimente der Nazis zunutze gemacht. Sowjetische Gegenspione sollten – unter LSD gesetzt – Geheimnisse ausplaudern. Bei einigen Experimenten starben die Opfer nach längerer Folter, und auch der beteiligte CIA-Wissenschaftler Frank Olson wurde sehr wahrscheinlich umgebracht, als er aus dem Projekt aussteigen wollte.  

2007 hat Koch für das Fernsehen des Südwestrundfunks (SWR) dokumentiert: Der Anästhesist Beecher hat an der Havard University Nazi-Folter  und KZ-Experimente für die CIA ausgewertet, selbst Experimente in Deutschland durchführen lassen und zum später weltweit eingesetzten CIA-Folterhandbuch beigetragen. In Abu Ghraib wurden die Gefangenen erniedrigt, gequält und teilweise umgebracht auf der Grundlage von Nazi-KZ-Methoden. Der SWR hat die Dokumentation am 9. Juli 2007 ausgestrahlt  

Egmont R. Koch läßt den renommierten CIA-Forscher Alfred McCoy, das Folteropfer Murat Kurnaz und Zeitzeugen aus dem Frankfurter Raum für die US-Menschenversuche im Nachkriegsdeutschland zu Worte kommen.

Video, 44 Minuten, T:I:S, 11. Dezember 2007. Dank an den Schwarzwald-Müller 

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KONKRET 11/2002

 

Thomas Immanuel Steinberg

CIA im Roman, im Sachbuch und als roter Hering


Romane lese ich nicht gern. Da weiß ich nie, woran ich bin: Was ist wahr? Was ist ausgedacht? Manches klingt wahr und ist dennoch schlecht gelogen, und bei Romanen sind oft so schrecklich viele Seiten zu durchforsten. 
 
Sein Roman über die CIA, so verspricht Robert Littell auf der vierten von siebenhunderteinundneunzig Seiten, beruhe auch auf Tatsachen. Der Klappentext rühmt ein hochexplosives Gemisch aus brillant recherchierter Zeitgeschichte und Fiktion. Also forsche ich nach den Tatsachen und frage mich beim Lesen:  
 
Hat die CIA im April 1951 tatsächlich sieben Exilalbaner mit einer Segeljacht nach Durrës gebracht, damit sie Staatschef Enver Hoxha umbringen? Nie davon gehört. Waren CIA-Leute dem legendären sowjetischen Doppelagenten Kim Philby schon 1951 auf der Spur? Aber der hat sich doch erst 1963 vom MI6 in London nach Moskau aus dem Staub gemacht... Hat die CIA die Mafia gegen Mussolini mobilisiert? Ja, das soll so gelaufen sein. Näheres erfahre ich aber nicht.  
 
Vielleicht gilt die Handlung bei Freunden der Romanform als spannend, vielleicht reichen dünne Charakterzeichnungen zum feierabendlichen Kick. Ich bemerke nur weiter: Da will der Held am Bahnhof Zoo seine Verfolger abgeschüttelt haben, indem er „durch ein Gewirr von Seitenstraßen“ gesteift sei – den aufgestelzten Durchgangsbahnhof umgeben aber, das weiß jeder, der dort mal ausgestiegen ist, außer der Jebensstraße breite Hauptstraßen und weite Plätze. Da besucht ein Held 1951 in der Spandauer Altstadt eine Kirche: Der Autor macht aus dem Gebäude am Reformationsplatz eine katholische Einrichtung. An der U-Bahn gelegen. 1951 fuhren nach Spandau die Straßenbahnen 54 und 55, aber die Spandauer U-Bahn wurde erst lange nach der Mauer gebaut. Da soll etwas bei der CIA in der Frankfurter ehemaligen IG-Farben-Zentrale los gewesen sein… Littell verlegt sie vom noblen Westend ins proletarische Höchst. 
 
Noch ein bißchen Berlin: Einmal endet die Verfolgung unter den Linden, mit kleinem „u“, nach einer Sichtung an der „Ostsektorengrenze“. Die gemeinte Sektorengrenze wird bei Littell 1950 so überwunden: „Sie waren auf die übliche Art und Weise in den sowjetischen Sektor von Berlin gelangt: Torrini und Jack flach ausgestreckt im Hohlraum unter dem Dach eines kleinen Lasters, der regelmäßig über einen wenig benutzten Genzübergang fuhr, um Dünger aus Knochenmehl zu liefern...“ Den Düngergestank hätte der Autor seinen Agenten ersparen können -1950 kreiste jeder mit der Ringbahn so oft von West nach Ost und wieder nach West, wie er Lust hatte. Kontrollposten gab es nicht.  
 
Ich habe daher 500 Romanseiten übersprungen. Auf der vorletzten steht:: „Solange der Homo politicus adrenalinsüchtig ist, spionieren Spione weiter.“ Ja, selber recherchieren, das bringt auch mich mehr in Wallung als eine matt zurechtgebosselte Geschichte über Spione.  
 
Unter dem Decknamen Artischocke führte die CIA in den 50er Jahren Menschenversuche durch. Sowjetische Gegenspione sollten – unter LSD gesetzt – Geheimnisse ausplaudern. Bei einigen Experimenten starben die Opfer nach längerer Folter, und auch der beteiligte CIA-Wissenschaftler Frank Olson wurde sehr wahrscheinlich umgebracht, als er aus dem Projekt aussteigen wollte. Den nie aufgeklärten Hintergründen sind Edmund R. Koch und Michael Wech, zwei sorgfältige deutsche Rechercheure, nachgegangen, zunächst in einer Fernsehdokumentation beim wdr, nun mit einem Sachbuch im C.-Bertelsmann-Verlag. Bei der Lektüre trifft man unvermutet auf gute junge Bekannte aus der US-Hexenküche: Amthrax wurde schon 1950 von der CIA gezüchtet; Donald Rumsfeld und Richard Cheney, heute Verteidigungsminister und Vizepräsident, rührten 1975 die Beweise zu Brei, die Olsons Tod hätten aufklären können. Meskalin verabreichten die CIA-„Forscher“ einigen ihrer menschlichen Karnickel, psychochirurgische Eingriffe sollten das Gedächtnis lädieren und Stromstöße den Sexualtrieb eindämmen. 
 
Koch und Wech kennzeichnen, was bewiesen ist, was wahrscheinlich stimmt und was nur vermutet werden kann. Beim Lesen kommt der Gedanke an die medizisch getarnten Morde der deutschen KZ-Ärzte auf, aber auch an die schwedischen Sterilisierungen Behinderter etwa zu gleicher Zeit. Einerseits machen die Autoren die Hemmungslosigkeit deutlich, mit der die USA im Kalten Krieg zunächst gegen ihre Feinde vorzugehen bereit waren und später die begangenen Verbrechen vertuschten Andererseits verzichten sie auf jede Effekthascherei. Sie stellen indes die mörderischen Geheimdienstexperimente in einen Zusammenhang mit offenen oder schlecht verdeckten Kriegen der USA nach 1945: mit dem Korea-Krieg zum Beispiel; mit dem Putsch im Iran 1953, der die nationalen Ölquellen eine Weile unter US-amerikanische Gewalt brachte; und mit dem Sturz von Arbenz Guzmán in Guatemala. Hinter diesem Einsatz für Freiheit und Demokratie stand die United Fruit Company. Einer ihrer Aktionäre war CIA-Direktor Allen Dulles, ein Mann aus der Großbourgeoisie. Guatemaltekisches Militär und CIA ermordeten nach dem Putsch über 100 000 politisch linke Zivilisten.  
 
Im Buch von Koch und Wech erweist sich die CIA über den Fall „Artischocke“ hinaus als das, was sie war und ist: als eine Mörderbande. 
 
Wenn nun aber ein Bandenmitglied beginnt, seine Erlebnisse zu erzählen, dann ist es entweder bald tot, oder es lügt wie gedruckt. Ex-CIA-Agent Robert Baer lebt, und seine Lügen sind von Bertelsmann auf deutsch gedruckt worden, vom selben Verlag also wie Kochs und Wechs Wahrheiten. Angeblich befände sich die CIA im Niedergang, und Baer enthülle dies. Tatsächlich erzählt der Schwindler Döneckes auf dem Tresenniveau von Western-Saloons Die strotzen vor Selbstgefälligkeit und Zynismus. 
 
„Die CIA wurde durch political correctness systematisch zerstört...“ 
 
„Anstatt Agenten anzuwerben und einzusetzen, verbrachten die Leute in den CIA-Büros in der Pulverkammer der Welt (gemeint ist der Nahe Osten, T:I:S) den größten Teil ihrer Zeit damit, sich um das zu kümmern, was in Washington gerade Mode war: die Menschenrechte, die wirtschaftliche Globalisierung, den arabisch-israelischen Konflikt.“ 
 
Die CIA sei dem Motto gefolgt: „Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses tun.“ Und genau das habe den 11. September 2001 ermöglicht. Baer will uns einen Bären aufbinden. Er legt, genauer gesagt, einen „red herring“: Solch stinkenden Fischkadaver nahmen Sklaven mit auf die Flucht und deponierten ihn so, dass er die Verfolgermeute auf die falsche Fährte lockte. Baers Leser sollen denken, der CIA hätten Geld, Leute und das richtige Konzept gefehlt. Deshalb hätten die USA die Attentate nicht verhindern können. 
 
Baer: „...ehe wir nicht wieder eine solche CIA haben – eine mit vielen tausend Ohren und Augen, die sich genau dort tummeln, wo diejenigen, die Übles im Sinn haben, ihre Pläne schmieden -, kann sich meiner Ansicht nach niemand von uns mehr sicher fühlen.“  
 
Diese doofe These durchzieht das ganze Buch. Baer versucht, wenigstens dadurch etwas Spannung zu erzeugen, daß einige Wörter im Text unvermittelt geschwärzt sind, angeblich aus Tarnungsgründen auf Weisung der Vorgesetzten. Das liest sich dann so: 
 
„Mit seinen großen Häusern, seinem milden Klima, seinen roten Tennisplätzen und smaragdgrünen Golfplätzen war Rabat ein sehr angenehmer Einsatzort gewesen. Man konnte sogar im Atlasgebirge außerhalb von Marrakesch Ski laufen. Ich hatte auch einen angenehmen Job gehabt – als Stellvertreter von (sechzehn Buchstaben geschwärzt), im Management sozusagen. Drei Jahre in Rabat, und ich würde beim nächsten Mal die Leitung eines mittelgroßen (fünfzehn Buchstaben geschwärzt) übernehmen können.“ 
 
Wer liest so etwas, wer kauft so etwas? 
 
Bei amazon.de steht Baer unter CIA auf Platz 1, Littell auf Platz 2. Auf Platz 5 rangiert das beachtliche Sachbuch von Koch und Wech. Immerhin. 
 
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Littell, Robert: Die Company. Die weltumspannende, faszinierende Saga über die CIA. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Bern, München Wien: Scherz Verlag 2002, 791 Seiten, Euro 28  
 
Koch, Egmont R. und Michael Wech:
Deckname Artischocke. Die geheimen Menschenversuche der CIA. München: C. Bertelsmann 2002, 339 Seiten, Euro 23,90  
 
Baer, Robert:
Der Niedergang der CIA. Der Enthüllungsbericht eines CIA-Agenten. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Kuhlmann-Krieg und Michael Müller. München, C. Bertelsmann 2002, 415 Seiten, Euro 23,90 
 

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