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Thomas Immanuel Steinberg Die neuen KriegeRezension,
erschienen in Konkret 12/2002, S. 20
Wer etwas zu
sagen hat, und sei's ein deutscher Professor, der drückt sich auch verständlich
aus. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität,
schreibt flüssig und klar, und auf die "neuen Kriege", die in
Tschetschenien, Kolumbien oder Sierra Leone, eröffnet er einen erhellenden
Blick. Wir Kriegsgegner neigen ja zu einer Kriegsbetrachtung von außen her:
Welche Mächte stehen hinter den Kriegsparteien, um welche Reichtümer wird
gestritten, wessen Herrschaft soll gefestigt oder erschüttert werden ... Münkler
dagegen beobachtet die innere Kriegsdynamik.
Die Maschinenpistolen sind billig und die zwölfjährigen Knaben willig.
Ist das Gemeinwesen erst verwüstet,
so treibt die Kriegsökonomie allein aus sich heraus den örtlichen Warlord zur
Fortführung seiner Gewaltakte. Kann er sich gar in der Schattenglobalisierung
verankern, durch Raub und Handel mit wertvollen Rohstoffen, Waffen, Hilfsgütern
karitativer Einrichtungen oder Drogen, so findet das Schlachten kein Ende.
Solche "neuen" Kriege, zeigt Münkler, toben fort, unabhängig von der
gerade propagierten Leitparole oder -mission. Münkler,
der Politikwissenschaftler, gewinnt den Abstand zur je spezifischen
Rechtfertigung für Kriegsgewalt durch dem Umweg über die Geschichte. Der Dreißigjährige
Krieg wies ähnliche Züge auf wie heutige kleine Kriege. Er ernährte die
wilden Landsknechte, und je weniger die Zivilwirtschaft abwarf, umso stärker
sahen sie sich zur Fortführung ihrer Raubzüge getrieben. Der Krieg ernährte
den Krieg. Die Entwicklung schwerer und teurer Waffensysteme erst machte
nationalstaatliche Armeen erforderlich, mit disziplinarischer Unterwerfung,
einheitlicher Befehlsstruktur und Uniformierung. Statt Privatarmeen standen nun
staatliche Heere einander symmetrisch gegenüber. Ein Kriegsvölkerrecht bildete
sich heraus, das Kombattanten von Zivilisten unterschied, bis die
Stillstandsschlachten des Ersten Weltkriegs und der totale Zweite Weltkrieg
abermals die Relationen verschoben. Heute nun
ermöglichen handliche billige Waffen asymmetrische Privatkriege. Münkler
zufolge ist der zwischenstaatliche Krieg ein Auslaufmodell. Umso fester fressen
sich Kriege in einmal befallenen Gebieten fest. Der Autor meint deshalb, die
Interventen für ihren Krieg gegen Jugoslawien loben zu müssen. Sie hätten
eine Ausweitung verhindert. Damit durchbricht Münkler leider seine so
fruchtbare Beschränkung auf die innere Kriegsdynamik. Sein gefällig
gestaltetes Buch ist dennoch lesenswert. Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Rowohlt, 286
Seiten, Euro 19,90 *Steinberg Recherche Referent Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Suchen Home nach oben
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