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Weltmachttheater
Die Kriegswut der USA resultiert nicht
aus ihrer militärischen Stärke, sondern ihrer ökonomischen Schwäche.
Die USA
bombardieren täglich den Irak und wollen ihn nun, mit oder ohne Zustimmung der
UNO, besetzen. Warum? Warum haben sie das arme Afghanistan überfallen, warum
Jugoslawien?
In seinem Buch »La Chute finale« (deutsch »Vor dem Sturz. Das Ende der
Sowjetherrschaft«, Ullstein, Berlin 1982) hatte der britisch-französische
Politologe, Historiker und Demograph Emmanuel Todd bereits 1976 schlüssig
dargelegt, warum mittelfristig die Sowjetunion untergehen werde. Derselbe
Wissenschaftler behauptet nun, nicht die Stärke der Vereinigten Staaten treibe
die US-Machteliten von Krieg zu Krieg, sondern ihre Schwäche.
Diese trete in ihrer defizitären Handelsbilanz offen zutage. Bisher hätten die
USA die fehlende Warenausfuhr durch Kapitaleinfuhr ausgleichen können. Doch nun
drohe Kapitalabzug, Verlagerung des Welthandels vom Dollar auf andere Währungen
und Abwertung des Dollar. Den Massen in den USA drohe eine drastische Senkung
ihres Lebensstandards. Die US-Eliten, bisher durch ihre Kooperation mit den
Eliten der restlichen Welt an der Macht gehalten, fürchteten um die heimatliche
Basis. Ihr Ausweg heiße Krieg.
Auch Nichtökonomen sollten Todds Argument verstehen. Die USA führten 2002
Waren für knapp anderthalb Billionen Dollar ein, doch nur für eine Billion
Dollar aus. Die Differenz von 435 Milliarden Dollar ist, was die US-Amerikaner
verzehrt, aber nicht produziert haben. Sie zehren – seit Jahren – von den
Produkten der Handelspartner, die ihrerseits einen Handelsbilanzüberschuß
aufweisen. Das sind vor allem China, Japan, Euro-Europa, Kanada und Mexiko –
in dieser Reihenfolge.
Bisher glich, wie gesagt, Kapitaleinfuhr dieses Handelsbilanzdefizit aus.
Nichtamerikanischen Konzernen schienen Vermögensanlagen in den USA sicherer als
anderswo. So flossen die für überschüssige Wareneinfuhr ans Ausland gezahlten
Dollar als Zahlungen vor allem für Anleihen, aber auch für Übernahme und
Errichtung dortiger Unternehmen zurück in die USA. Deshalb blieb der Wert des
Dollar bisher stabil. Doch nach dem Platzen von Börsenblasen wie Enron und, so
Todd, vor allem nach den Bilanzfälschungen, z.B. durch Arthur Andersen, könnte
der Dollar-Rückstrom versiegen oder sich gar umkehren. Ziehen Japan,
Euro-Europa und die Ölländer ihr Kapital ab, droht der Dollarwert zu fallen.
Die weltweiten Handelskontrakte würden dann auch nicht mehr in Dollar, sondern
zum Beispiel in Euro abgewickelt. Die USA müßten ihren Konsum einschränken.
Da außerdem »die Mehrzahl der Waren und Dienstleistungen, die derzeit Eingang
in die Berechnung des amerikanischen BIP (Bruttoinlandsprodukts) finden, (...)
auf den internationalen Märkten keinen Wert« haben, schätzt Todd die drohende
Senkung des Lebensstandards durch vollständigen Ausgleich des
Handelsbilanzdefizits auf 15 bis 20 Prozent.
Zur Verminderung des chronischen Handelsbilanzdefizits bräuchten die USA Zeit
und Kraft. Die wolle oder könne der Hegemon offenbar nicht aufbringen. Er setze
vielmehr auf bewaffneten Angriff, Eroberung und Ausbeutung der Ressourcen und Märkte
der Welt in der Hoffnung, damit das Vertrauen in die Sicherheit und Ertragskraft
von Kapitalanlagen in den USA zu stärken.
Todd, und das klingt dann ein wenig europäisch-nationalistisch, hält auch die
militärische Stärke der USA für nur äußerlich. Der »pyromane Feuerwehrmann«
USA schüre Konflikte zwischen Indien und Pakistan, schlichte nicht zwischen Palästina
und Israel und praktiziere auf dem Balkan, in Mittelasien und am Golf einen »theatralischen
Militarismus« – aus Schwäche, keineswegs aus Stärke. »Das wahre Amerika
ist so schwach, daß es nur mit militärischen Zwergen eine Konfrontation suchen
kann.«
Todd mißt der endgültigen Entscheidung Großbritanniens für oder gegen den
Euro große Bedeutung zu. Die Integration des Finanzplatzes London in die
Eurozone könne der amerikanischen Hegemonie »den Gnadenstoß« versetzen.
Mit seiner Kernthese, aber mehr noch in der Methode und durch originelle Einzelüberlegungen,
weicht der Antikommunist Todd von der bürgerlich-wissenschaftlichen Konvention
ab. Statistiken über die Lebenserwartung der sowjetischen fünfzigjährigen Männer
gaben ihm 1976 Auskunft über die Zerrüttung des Landes durch Trunksucht. Aus
Exogamie-Raten schließt er auf den Grad an ethnischer Integration: 50 Prozent
der Ehen jüdisch-stämmiger Männer in den USA werden mit nicht-jüdischen
Frauen geschlossen – vermuteter Grund für die Angst US-jüdischer
Organisationen vor Bedeutungsverlust und ihre vermehrte Ausrichtung auf die
rechtsextreme Politik Israels. Egalitäre oder autoritäre, universalistische
oder partikularistische Verhältnisse führt Todd unter anderm auf die je
dominanten Familien- und Erbrechtsstrukturen zurück. Demographie und Bildung
sind für ihn die Determinanten der Wirtschaftskraft. Gegen den
weltbeherrschenden Freihandel, der die wirtschaftliche Ungleichheit gegenwärtig
ins Unermeßliche steigert, setzt Todd die Schutzzollkonzeption des deutschen
Nationalökonomen Friedrich List. Dank ihrer konnte Deutschland den großen
britischen Vorsprung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufholen.
Zur Lage im Jahre 2002 meint Todd: »Das eigentlich bedeutsame Phänomen in
Europa ist die veränderte Haltung der dominanten Wirtschaftsmacht Deutschland.
Für den sozialen Zusammenhalt in der Bundesrepublik stellt die amerikanische
liberale Revolution eine sehr viel größere Bedrohung dar als das
republikanische Modell Frankreichs... Die Europäer sind sich ihrer Probleme mit
Amerika, das sie mit ihrer schieren Masse schützt und zugleich unterdrückt,
lebhaft bewußt. Spärlich ausgeprägt ist dagegen ihr Bewußtsein dafür,
welche Probleme umgekehrt sie den Vereinigten Staaten bereiten.«
Deutschlands jahrzehntelange Exportoffensive ist eben ganz wörtlich ein
jahrzehntelanger Angriff. Am militärischen Weltfrieden grundsätzlich
interessiert, richten die europäischen, besonders die deutschen Machteliten
ihre arbeitsfreudigen Massen zu für weitere Produktions- und
Verkaufsschlachten. Sie drohen, die Grundlage der US-amerikanischen Hegemonie zu
zerrütten. Die US-Eliten fürchten um ihre Macht und wehren sich, hilflos, mit
der Bombardierung des Irak.
* Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Aus dem Französischen von Ursel
Schäfer und Enrico Heinemann. Piper, München und Zürich 2003, 13 Euro
Thomas
Immanuel Steinberg
Diese
Rezension erschien im Feuilleton der
jungen Welt am Montag, dem 17. März 2003. Jürgen Biehle von arte hat
Emmanuel Todd interviewt.
Das letztes Kapitel von Emmanuel Todds „Weltmacht
USA. Ein Nachruf“ stand in der taz
vom 15.03.2003.
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