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Rendezvous

Emmanuel Todds und Youssef Courbages Buch über "Le Rendez-Vous des Civilisations" ist auf Deutsch erschienen. Rezension von Karin Leukefeld. T:I:S, 13. November 2008

*

Weltmachttheater

Die Kriegswut der USA resultiert nicht aus ihrer militärischen Stärke, sondern ihrer ökonomischen Schwäche.

Die USA bombardieren täglich den Irak und wollen ihn nun, mit oder ohne Zustimmung der UNO, besetzen. Warum? Warum haben sie das arme Afghanistan überfallen, warum Jugoslawien?

In seinem Buch »La Chute finale« (deutsch »Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft«, Ullstein, Berlin 1982) hatte der britisch-französische Politologe, Historiker und Demograph Emmanuel Todd bereits 1976 schlüssig dargelegt, warum mittelfristig die Sowjetunion untergehen werde. Derselbe Wissenschaftler behauptet nun, nicht die Stärke der Vereinigten Staaten treibe die US-Machteliten von Krieg zu Krieg, sondern ihre Schwäche.

Diese trete in ihrer defizitären Handelsbilanz offen zutage. Bisher hätten die USA die fehlende Warenausfuhr durch Kapitaleinfuhr ausgleichen können. Doch nun drohe Kapitalabzug, Verlagerung des Welthandels vom Dollar auf andere Währungen und Abwertung des Dollar. Den Massen in den USA drohe eine drastische Senkung ihres Lebensstandards. Die US-Eliten, bisher durch ihre Kooperation mit den Eliten der restlichen Welt an der Macht gehalten, fürchteten um die heimatliche Basis. Ihr Ausweg heiße Krieg.

Auch Nichtökonomen sollten Todds Argument verstehen. Die USA führten 2002 Waren für knapp anderthalb Billionen Dollar ein, doch nur für eine Billion Dollar aus. Die Differenz von 435 Milliarden Dollar ist, was die US-Amerikaner verzehrt, aber nicht produziert haben. Sie zehren – seit Jahren – von den Produkten der Handelspartner, die ihrerseits einen Handelsbilanzüberschuß aufweisen. Das sind vor allem China, Japan, Euro-Europa, Kanada und Mexiko – in dieser Reihenfolge.

Bisher glich, wie gesagt, Kapitaleinfuhr dieses Handelsbilanzdefizit aus. Nichtamerikanischen Konzernen schienen Vermögensanlagen in den USA sicherer als anderswo. So flossen die für überschüssige Wareneinfuhr ans Ausland gezahlten Dollar als Zahlungen vor allem für Anleihen, aber auch für Übernahme und Errichtung dortiger Unternehmen zurück in die USA. Deshalb blieb der Wert des Dollar bisher stabil. Doch nach dem Platzen von Börsenblasen wie Enron und, so Todd, vor allem nach den Bilanzfälschungen, z.B. durch Arthur Andersen, könnte der Dollar-Rückstrom versiegen oder sich gar umkehren. Ziehen Japan, Euro-Europa und die Ölländer ihr Kapital ab, droht der Dollarwert zu fallen. Die weltweiten Handelskontrakte würden dann auch nicht mehr in Dollar, sondern zum Beispiel in Euro abgewickelt. Die USA müßten ihren Konsum einschränken. Da außerdem »die Mehrzahl der Waren und Dienstleistungen, die derzeit Eingang in die Berechnung des amerikanischen BIP (Bruttoinlandsprodukts) finden, (...) auf den internationalen Märkten keinen Wert« haben, schätzt Todd die drohende Senkung des Lebensstandards durch vollständigen Ausgleich des Handelsbilanzdefizits auf 15 bis 20 Prozent.

Zur Verminderung des chronischen Handelsbilanzdefizits bräuchten die USA Zeit und Kraft. Die wolle oder könne der Hegemon offenbar nicht aufbringen. Er setze vielmehr auf bewaffneten Angriff, Eroberung und Ausbeutung der Ressourcen und Märkte der Welt in der Hoffnung, damit das Vertrauen in die Sicherheit und Ertragskraft von Kapitalanlagen in den USA zu stärken.

Todd, und das klingt dann ein wenig europäisch-nationalistisch, hält auch die militärische Stärke der USA für nur äußerlich. Der »pyromane Feuerwehrmann« USA schüre Konflikte zwischen Indien und Pakistan, schlichte nicht zwischen Palästina und Israel und praktiziere auf dem Balkan, in Mittelasien und am Golf einen »theatralischen Militarismus« – aus Schwäche, keineswegs aus Stärke. »Das wahre Amerika ist so schwach, daß es nur mit militärischen Zwergen eine Konfrontation suchen kann.«

Todd mißt der endgültigen Entscheidung Großbritanniens für oder gegen den Euro große Bedeutung zu. Die Integration des Finanzplatzes London in die Eurozone könne der amerikanischen Hegemonie »den Gnadenstoß« versetzen.

Mit seiner Kernthese, aber mehr noch in der Methode und durch originelle Einzelüberlegungen, weicht der Antikommunist Todd von der bürgerlich-wissenschaftlichen Konvention ab. Statistiken über die Lebenserwartung der sowjetischen fünfzigjährigen Männer gaben ihm 1976 Auskunft über die Zerrüttung des Landes durch Trunksucht. Aus Exogamie-Raten schließt er auf den Grad an ethnischer Integration: 50 Prozent der Ehen jüdisch-stämmiger Männer in den USA werden mit nicht-jüdischen Frauen geschlossen – vermuteter Grund für die Angst US-jüdischer Organisationen vor Bedeutungsverlust und ihre vermehrte Ausrichtung auf die rechtsextreme Politik Israels. Egalitäre oder autoritäre, universalistische oder partikularistische Verhältnisse führt Todd unter anderm auf die je dominanten Familien- und Erbrechtsstrukturen zurück. Demographie und Bildung sind für ihn die Determinanten der Wirtschaftskraft. Gegen den weltbeherrschenden Freihandel, der die wirtschaftliche Ungleichheit gegenwärtig ins Unermeßliche steigert, setzt Todd die Schutzzollkonzeption des deutschen Nationalökonomen Friedrich List. Dank ihrer konnte Deutschland den großen britischen Vorsprung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufholen.

Zur Lage im Jahre 2002 meint Todd: »Das eigentlich bedeutsame Phänomen in Europa ist die veränderte Haltung der dominanten Wirtschaftsmacht Deutschland. Für den sozialen Zusammenhalt in der Bundesrepublik stellt die amerikanische liberale Revolution eine sehr viel größere Bedrohung dar als das republikanische Modell Frankreichs... Die Europäer sind sich ihrer Probleme mit Amerika, das sie mit ihrer schieren Masse schützt und zugleich unterdrückt, lebhaft bewußt. Spärlich ausgeprägt ist dagegen ihr Bewußtsein dafür, welche Probleme umgekehrt sie den Vereinigten Staaten bereiten.«

Deutschlands jahrzehntelange Exportoffensive ist eben ganz wörtlich ein jahrzehntelanger Angriff. Am militärischen Weltfrieden grundsätzlich interessiert, richten die europäischen, besonders die deutschen Machteliten ihre arbeitsfreudigen Massen zu für weitere Produktions- und Verkaufsschlachten. Sie drohen, die Grundlage der US-amerikanischen Hegemonie zu zerrütten. Die US-Eliten fürchten um ihre Macht und wehren sich, hilflos, mit der Bombardierung des Irak.

* Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann. Piper, München und Zürich 2003, 13 Euro

Thomas Immanuel Steinberg

Diese Rezension erschien im Feuilleton der jungen Welt am Montag, dem 17. März 2003. Jürgen Biehle von arte hat Emmanuel Todd interviewt. Das letztes Kapitel von Emmanuel Todds „Weltmacht USA. Ein Nachruf“  stand in der  taz vom 15.03.2003.

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