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Wer ist Steinberg Was die Recherche soll Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt Thomas Immanuel SteinbergWüste Noah
Einige repräsentative Bauten umkränzten den Zentralplatz
der Millionenstadt. Kein einziges Auto war zu sehen. Frauen in Sommerkleidern
schlenderten untergehakt vorüber. An einer Seite eine kühlende Wasserfläche.
Am Brunnenrand spielten Kinder, behütet von jungen Vätern, die nach den Röcken
schauten. Jenseits des Platzes ein gepflasterter Hügel, aus dem eine Fontäne
hervorschoß. Dem Hügel fehlte die Kuppe. Das Wasser spritzte vom Boden einer
offenen Halle über den Hügelrand hinaus in den Himmel. Das war die Eingangshalle zur U-Bahn. Die U-Bahn von
Jerewan hatte nur sechs Stationen, jede anders als die andere, nirgends Reklame.
Aus einer Station ragte die Rolltreppenanlage als gewaltiges Rohr heraus. Rund um die Innenstadt zog sich ein Gürtel aus alten Bäumen,
Hecken und Rasenflächen, nur unterbrochen durch Brunnen und Kulturstätten.
Erst ein Theater, dann ein Konzertsaal, weiter weg ein Schachhaus. Die Klinken
der gläsernen Türen waren dem Turm und dem Springer nachgebildet. Kein Müll,
kein Hundedreck, nur frisches Grün. Auf den Parkbänken alte Männer, die mir
erzählten, sie seien aus Chicago rückgewandert. Man habe jeder Familie ein
kleines Einfamilienhaus geschenkt, da, am Hang drüben, und sie hätten die Rückkehr
nicht bereut. Ich spazierte zurück in die Stadt und fuhr mit dem
Fahrstuhl in den obersten Stock des Judgend- und Kulturzentrums. Jungen
bettelten mich um einen Kaugummi an. Die armenische Marke wollten sie nicht, nur
einen echten Chewing Gum. Ich bekam einen grusinischen Tee, und das Mädchen am
Tresen machte mich auf den Berg aufmerksam, dessen Gipfel hinterm Dunst
hervorlugte. Das bringe Glück, wenn man die Stadt besuche und den Gipfel zu
sehen bekäme. Der Berg Ararat, auf dem Noah nach der Sintflut gestrandet
sein soll, hat mich beglückt. Ich wollte wiederkommen. Das war 1982. 1986 wurde
die Stadt von einem Erdbeben erschüttert, und in den Neunzigern fielen die
Armenier und die benachbarten Azeris über einander her.
Postkarte aus Jerewan 1982, Metrostation Yeritasardakan. Quelle Zweiundzwanzig Jahre nach meinem Besuch berichtet Susanna Petrosian: Jerewan wird zur Wüste. Nicht das Erdbeben und nicht der Krieg hat die Stadt verwüstet. Die Parkbäume rund um die Oper sind gefällt worden. Jetzt stehen dort Kaffeebuden, insgesamt dreizehn Stück. Den grünen Gürtel zerstückeln Rodungen mit über hundert weiteren Buden aus Holz und Stein. Spielplatz für die Kinder und Platz zum Ausruhen sind verschwunden, beklagt eine Hausfrau. Die Bäume wurden ohne Gedanken an die Zukunft gefällt, sagt ein Rentner. Viele Bürger leiden unter neuen allergischen Erkrankungen. Über 40 Prozent der städtischen Grünfläche sind unwiederbringlich verloren seit 1990. 1990, das war das Jahr, in dem der Kapitalismus die
Sowjetunion besiegte und sich auch Jerewans bemächtigte, der grünen
Millionenstadt mit dem autofreien Platz, dem Brunnen, dem kulturellen Grüngürtel
und der originellen U-Bahn. Armenien wurde unabhängig - unter neuem Regime. Den Rest kennen wir: Umweltgruppen, achtunddreißig
verschiedene Umweltgruppen haben jetzt im Verbund erreicht, daß der jüngste
Kaffeebudenbau gestoppt wurde. Die Bauten waren illegal. Sie gehören vier
Ministern, zwei Generälen, einem stellvertretenden Leiter des nationalen
Sicherheitsdienstes und drei Abteilungsleitern im Büro des Bürgermeisters. Ich glaube, ich will nicht mehr nach Jerewan fahren.
siehe Susanna Petrosian: Yerevan Becoming a “Desert”. CRS No. 243, 21-Jul-04. In: IWPR, 22. Juli 2004 T:I:S, 24. Juli 2004 *Wer ist Steinberg Was die Recherche soll Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home nach oben
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