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Thomas Immanuel SteinbergWüste NoahEinige repräsentative Bauten umkränzten den Zentralplatz der Millionenstadt. Kein einziges Auto war zu sehen. Frauen in Sommerkleidern schlenderten untergehakt vorüber. An einer Seite eine kühlende Wasserfläche. Am Brunnenrand spielten Kinder, behütet von jungen Vätern, die nach den Röcken schauten. Jenseits des Platzes ein gepflasterter Hügel, aus dem eine Fontäne hervorschoß. Dem Hügel fehlte die Kuppe. Das Wasser spritzte vom Boden einer offenen Halle über den Hügelrand hinaus in den Himmel. Das war die Eingangshalle zur U-Bahn. Die U-Bahn von Jerewan hatte nur sechs Stationen, jede anders als die andere, nirgends Reklame. Aus einer Station ragte die Rolltreppenanlage als gewaltiges Rohr heraus. Rund um die Innenstadt zog sich ein Gürtel aus alten Bäumen, Hecken und Rasenflächen, nur unterbrochen durch Brunnen und Kulturstätten. Erst ein Theater, dann ein Konzertsaal, weiter weg ein Schachhaus. Die Klinken der gläsernen Türen waren dem Turm und dem Springer nachgebildet. Kein Müll, kein Hundedreck, nur frisches Grün. Auf den Parkbänken alte Männer, die mir erzählten, sie seien aus Chicago rückgewandert. Man habe jeder Familie ein kleines Einfamilienhaus geschenkt, da, am Hang drüben, und sie hätten die Rückkehr nicht bereut. Ich spazierte zurück in die Stadt und fuhr mit dem Fahrstuhl in den obersten Stock des Judgend- und Kulturzentrums. Jungen bettelten mich um einen Kaugummi an. Die armenische Marke wollten sie nicht, nur einen echten Chewing Gum. Ich bekam einen grusinischen Tee, und das Mädchen am Tresen machte mich auf den Berg aufmerksam, dessen Gipfel hinterm Dunst hervorlugte. Das bringe Glück, wenn man die Stadt besuche und den Gipfel zu sehen bekäme. Der Berg Ararat, auf dem Noah nach der Sintflut gestrandet sein soll, hat mich beglückt. Ich wollte wiederkommen. Das war 1982. 1986 wurde die Stadt von einem Erdbeben erschüttert, und in den Neunzigern fielen die Armenier und die benachbarten Azeris über einander her.
Postkarte aus Jerewan 1982, Metrostation Yeritasardakan. Quelle Zweiundzwanzig Jahre nach meinem Besuch berichtet Susanna Petrosian: Jerewan wird zur Wüste. Nicht das Erdbeben und nicht der Krieg hat die Stadt verwüstet. Die Parkbäume rund um die Oper sind gefällt worden. Jetzt stehen dort Kaffeebuden, insgesamt dreizehn Stück. Den grünen Gürtel zerstückeln Rodungen mit über hundert weiteren Buden aus Holz und Stein. Spielplatz für die Kinder und Platz zum Ausruhen sind verschwunden, beklagt eine Hausfrau. Die Bäume wurden ohne Gedanken an die Zukunft gefällt, sagt ein Rentner. Viele Bürger leiden unter neuen allergischen Erkrankungen. Über 40 Prozent der städtischen Grünfläche sind unwiederbringlich verloren seit 1990. (1) 1990, das war das Jahr, in dem der Kapitalismus die Sowjetunion besiegte und sich auch Jerewans bemächtigte, der grünen Millionenstadt mit dem autofreien Platz, dem Brunnen, dem kulturellen Grüngürtel und der originellen U-Bahn. Armenien wurde unabhängig - unter neuem Regime. Den Rest kennen wir: Umweltgruppen, achtunddreißig verschiedene Umweltgruppen haben jetzt im Verbund erreicht, daß der jüngste Kaffeebudenbau gestoppt wurde. Die Bauten waren illegal. Sie gehören vier Ministern, zwei Generälen, einem stellvertretenden Leiter des nationalen Sicherheitsdienstes und drei Abteilungsleitern im Büro des Bürgermeisters. Ich glaube, ich will nicht mehr nach Jerewan fahren. T:I:S, 24. Juli 2004 Anmerkung (1) Susanna Petrosian: Yerevan Becoming a “Desert”. CRS No. 243, 21-Jul-04. In: IWPR, 22. Juli 2004 *
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