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Thomas Immanuel Steinberg
An der Oberfläche
Rezension, erschienen in der jungen Welt vom 17. Januar 2004 http://www.jungewelt.de/2004/01-17/029.php Kriegspropaganda beherrscht
die Mainstreammedien, und Kriegsgegner schreiben gegen die Propaganda an - im
Internet. Weblogs, Warblogs, Mailinglisten, Personal Homepages auf englisch und
deutsch vermehren sich und erhalten Zuspruch. Halten sie qualitativ einem
Vergleich mit anerkannten bürgerlichen Blättern stand? Was können sie
ausrichten gegen den Mainstream? Stefan Krempl verwendet 100
Seiten seines Buches »Krieg und Internet« auf die Beschreibung der
Medienlandschaft und weitere 100 Seiten auf den Kosovo- und den Irak-Krieg in
der New York Times, in der SZ und auf www.net-time.org Im ersten Teil knüpft der
Autor an das Selbstverständnis des Mainstreams an. »Um ihre Wiederwahl fürchtende
Politiker und Regierungsvertreter müssen die Bürger in Demokratien überzeugen,
die immensen, sich auf Menschen und Sachmittel erstreckenden Kosten für einen
Krieg in Kauf zu nehmen.« Da käme die Propaganda ins Spiel. Eine Zielgruppe
sei die breite Öffentlichkeit. Kriegspropaganda könne am besten über die
Massenmedien verbreitet werden. »Eigentlich sollten die Medien in
demokratischen Gesellschaften gegen eine derartige Instrumentalisierung aber
gewappnet sein.« Doch die konventionellen Medien würden bei Kriegen häufig in
ihrer kritischen Wachhund-Rolle und ihrer demokratischen Funktion versagen. Das angebliche
Medienversagen belegt Krempl anhand der Berichterstattung der Süddeutschen
Zeitung während des Kosovo-Krieges und anhand der New York Times in beiden
Kriegen mit zahlreichen Beispielen. Diese überzeugen davon, daß beide Organe
viele Lügen kritiklos veröffentlicht haben. Doch haben sie wirklich versagt?
Von einem Versagen kann nur sprechen, wer das Selbstverständnis dieser Medien
teilt. Krempl gibt nicht preis, wo er selbst die Mainstreampresse politisch
verortet. Zwar läßt er durchscheinen, was er für wahr hält und wo demzufolge
die Zeitungen gelogen haben, aber seine Kriterien bleiben im dunkeln. Krempl schätzt offenbar
die untersuchten linken Warblogs und Weblogs, doch auch sie ordnet er oberflächlich
ein. Zum Beispiel referiert er einige der von net-time getroffenen Bewertungen
der Bush-Politik: Bushs Rhetorik trage totalitäre Züge, er halte sich für ein
Werkzeug Gottes, und seine Export-Revolution erinnere an sowjetischen
Revolutionsexport. Wenn endlich Volk und Bush gar nicht mehr miteinander übereinstimmten,
heiße es plötzlich: Ein echter Führer führt, er folgt nicht – und das ertöne
aus Mündern von Machthabern, die sonst obsessiv auf die Ergebnisse von
Meinungsumfragen schauen. Das sind, legt Krempls Gesamtargumentation nahe,
diskutable Ansichten, doch der Autor irritiert den Leser mit dem Folgesatz: »Und
munter weiter geht es bei den Nettimern mit Griffen in die Mottenkiste der
Propagandaklassiker...« Krempl kritisiert einen
rechten Warblogger namens Reynolds auf InstaPundit im Detail als einseitig.
Seine Kritik überzeugt. Aber Krempl zieht die gewonnene Erkenntnis beim
zusammenfassenden Vergleich von konventioneller Presse und Internet nicht mehr
heran. Ist nun das Internet ein Ausweg aus der Propaganda? Das Netz, meint
Krempl, sei ein Forum der (Gegen-) Öffentlichkeit, ein Gegengift zur
Propaganda. Auf die Masse der Surfer habe es aber noch keinen Einfluß. Ob es
auf die traditionellen Medien einwirke, sei ungewiß. Da ist der Leser kaum
schlauer als zuvor. Wie kommt es, daß ein faktenreiches und größerenteils
umsichtig verfaßtes Buch auf eine richtig gestellte, wichtige Frage so dürr
antwortet? Im Buch fehlt ein brauchbares Verständnis von Gesellschaft. Von Hobbes, von Adam Smith, Marx, Pareto oder Max Weber, von Hannah Arendt oder Judith Butler ist keine Spur. Den Skandal aller bisherigen Gesellschaften, die Herrschaft, bringt Krempl nicht auf den Begriff. Im Herrschaftsverhältnis aber wären bürgerliche Zeitungen und neue Medien zu verorten, aus ihm erschlösse sich erst, worüber die Pressehunde tatsächlich wachen. Erst begriffene Herrschaft öffnet den Blick für Tore zur Freiheit, ob sie nun Internet heißen oder Süddeutsche Zeitung. Vom Eigentum an Medien, Ressourcen und Produktionsmitteln überhaupt wäre zu handeln und von Lohnabhängigkeit. T:I:S, 16. Januar 2004 Stefan Krempl: Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda? Verlag Heinz Heise, Hannover 2004, 238 Seiten, 18 Euro *
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