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Thomas Immanuel Steinberg

Das große Spiel am Weißen Nil

Ein Niemand verdreizehntfacht seinen Kurs an der Londoner Börse - mit südsudanesischer Hilfe.

 

Phil Edmonds wurde reich durchs Cricket-Spiel. Jetzt kullert der englische Großmeister keine Holzkugeln mehr übers Feld, sondern versucht, ein großes Rad zu drehen. Er ist Miteigentümer der White Nile Aktiengesellschaft. Deren Kurs am Alternative Investment Markt der Londoner Börse hat sich Mitte Februar 2005 verdreizehnfacht.  

Der Grund für die märchenhafte Steigerung liegt im Sudan am Nil-Zufluß, der Weißer Nil heißt. White Nile hat sich von den Rebellen der südsudanesischen SPLM, die einen eigenen Staat bilden wollen, Öl-Bohrlizenzen erteilen lassen – für 60% der Fläche eines Schürfblocks, der halb so groß ist wie Belgien. Riskant ist an der Sache – aber das hat die Spekulanten nicht abgehalten: Der Claim im Block B (auch Block 5 – Central genannt, siehe Karte) wurde in den Achziger Jahren von der sudanesischen Regierung im nördlichen Khartum bereits der Firma Total zugesprochen. Total (zeitweilig TotalFinaElf) ist der einzige nicht britisch-US-amerikanische Öl-Riese der Welt. Gegen seine Fässer Öl ist White Nile trotz der Kurssprünge nur ein schillernder Tropfen.  

Total hat seinerzeit einige seismische Werte ermittelt und dann das Schürfrecht ruhen lassen. Die Firma beansprucht es aber weiterhin, unter Berufung auf einen Passus im Vertragswerk für den Fall „höherer Gewalt“ – der mit den jahrzehntelangen Krieg zwischen Zentralregierung und Rebellen eingetreten sei. Der Krieg habe den vertraglich vorgesehenen Verfall des Schürfrechts bei Nichtnutzung aufgehalten.  

Die Zentralregierung hat zwar mit den Südrebellen im Friedensvertrag vom Januar 2005 vereinbart, daß beide Parteien an den Öleinnahmen teilhaben sollen. Öl-Minister Awad-alJaz betont aber, daß alle Schürfkonzessionen weiterhin seine Unterschrift tragen müssen. 

Diplomaten und Anwälte, berichtet  Afroil von newsbase.com, meinen, daß der Text des Vertrags zur Klärung des Streitfalls wenig beitragen könne. Internationale Gerichte würden ihn entscheiden müssen. Total hat mit Blick auf den im Januar 2005 geschlossenen Friedensvertrag noch im Dezember 2004 seinen alten Vertrag mit der Zentralregierung präzisiert. Der Sprecher der Südrebellen von der SPLM, Samson Kwaje, erklärte laut Sudan Tribune, die Vereinbarung mit White Nile sei bereits im August 2004 getroffen worden und habe daher Vorrang vor den Dezember-Vereinbarungen zwischen Zentralregierung und Total.  

White Nile will laut Mitbegründer Andrew Groves eine eigene Pipeline nach Südosten zum kenianischen Hafen Mombasa am Indischen Ozean bauen – offenbar als Teil der selben Transporttrasse, über die zunächst eine Eisenbahn führen soll. Hauptbetreiber des Bahn-Projekts ist die Bad Oldesloer Firma Thormählen Schweißtechnik, die Siemens und ThyssenKrupp dafür zu interessieren vermocht hat. Seit Monaten sondiert parallel das deutsche Außenministerium in Kenia und Uganda die politischen und wirtschaftlichen Aussichten des Milliarden-Plans. Zur Zeit führt eine Ölleitung von den südlichen Feldern in den Norden nach Port Sudan. Sie ist in der Gewalt der Zentralregierung. Groves erklärte ohne Umschweife, daß mit dem südöstlichen Transportweg die Autonomie der Rebellenregierung gestärkt werden solle. 

White Nile hat dem Internetdienst Afroil trotz Nachfragen versprochene Detailinformationen über das Geschäft vorenthalten. Die Londoner Börse hat den Handel mit White-Nile-Aktien außerdem seit dem 16.Februar 2005 wegen „Kursüberhitzung“ ausgesetzt. Sie verlangt Auskünfte über die „allgemeinen Risiken“ des Projekts. White Nile ist dennoch bereits Legende in der Börsengeschichte: Die einzigen Aktiva der Firma sind britische Pfund im Werte von 17 Millionen Dollar, der Wert der ausgegebenen Aktien lag bei Einstellung des Handels jedoch bei über 400 Millionen Dollar.

T:I:S, 10. März 2005

Der Artikel ist in der jungen Welt vom 14. März erschienen unter dem Titel: Monopoly am Weißen Nil. Britische Firma streitet sich mit Ölmulti Total um Schürfrechte im Sudan, siehe http://www.jungewelt.de/2005/03-14/009.php 

Quellen: 
Afroil (newsbase.com) 9/2005, S. 7 bis 9
SPLM today , 3. März 2005
Total faces minefield as it heads back to Sudan - Sudan Tribune, 25. Februar 2005
Total  updates Block B contractual terms in Sudan in view of possibly resuming operations once peace restored, 21. Dezember 2004
Sudan Oil Min: No Central Government Deal With White Nile, morningstar, 21. Februar 2005

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