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Thomas Immanuel Steinberg

Russisches Erdgas für Israel?

Angebliches Geheimtreffen von Regierungsvertretern mit türkischem Energieminister soll Projekt anschieben.

 

Verhandelt die Türkei mit Tel Aviv über russische Gaslieferungen? Ankaras Energieminister Hilmi Güler soll der türkischen Zeitung Radical zufolge Israel insgeheim einen Besuch abgestattet haben. Laut einem Medienbericht der Kuwait News Agency vom 11. August 2005 hätten in der Vorwoche Gespräche auf höchster Ebene stattgefunden. Gegenstand sei die Versorgung Israels mit Erdgas aus Rußland gewesen, hieß es. Güler soll dabei mit den israelischen Ministern Benjamin Ben Eliezer und Schimon Peres sowie führenden Wirtschaftsvertretern zusammengetroffen sein. Das Großgeschäft, so die Zeitung, würde das Machtgleichgewicht im ganzen Nahen Osten verschieben.

Durch die Türkei werden ab Herbst 2005 bis zu einer Million Barrel (ein Barrel gleich 159 Liter) kaspischen Öls am Tag von Aserbaidschan über Georgien nach Ceyhan am Mittelmeer fließen. Die sogenannte BTC-Pipeline wird zur Zeit mit Öl gefüllt. Die Türkei bezieht außerdem große Mengen Erdgas, vor allem aus dem Iran und Rußland – für den industriellen Eigenbedarf und die Weiterleitung nach Westen. Kürzlich wurde eine Gasleitung ins einst feindliche Griechenland eröffnet.

Das russische Erdgas fließt durch eine 300 Kilometer lange Doppelrohrleitung von Noworossijsk über den gebirgigen Schwarzmeerboden in einer Tiefe von bis zu 2 000 Metern nach Samsun und weiter in die türkische Hauptstadt Ankara. Die sogenannte Blue-Steam-Pipeline wurde von Sapiem, einer Tochterfirma des italienischen ENI-Konzerns gebaut. Nach Fertigstellung stritten sich Rußland und die Türkei über den Preis für das Gas. Zeitweilig reduzierte deshalb die Türkei die Abnahmemengen, und die Rentabilität der gewaltigen Investition schien gefährdet.

Ein Versuch, mit Israel über russisches Erdgas ins Geschäft zu kommen, erscheint daher plausibel. Eine lückenlose Leitung quer durch die Türkei von Samsun direkt nach Ceyhan wäre erforderlich, oder ein Umweg mit Anschluß an die Gasleitung auf der BTC-Transporttrasse. Diese Gasleitung ist im Bau. Von Ceyhan müßte das Gas als LNG – also als tiefgekühltes Flüssiggas – nach Israel verschifft werden. Die Investition in Leitungen, Verflüssigungsanlagen und Spezialschiffe hätte für beide Länder große wirtschaftliche und geostrategische Bedeutung.

T:I:S, 22. August 2005

Der Beitrag ist in der jungen Welt vom 22. August 2005 erschienen. Über Planungen für einen Wasser- und Energiekorridor nach Israel berichtete die Washington Times am 11. August 2004. Siehe auch Blue Stream mit dem Stand von 2003.

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