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Milan RaiKrieg und Öl– Parole "Stabilität" – Erschienen in CounterPunch am 1. Februar 2003, siehe http://www.counterpunch.org/rai02032003.html
Soll der geplante Krieg gegen den Irak die US-amerikanische Herrschaft über die Energieressourcen des Nahen Ostens festigen? Diese Erkärung für den Krieg klingt so überzeugend, daß der Daily Telegraph einen ehemaligen Redenschreiber von Präsident Bush, nämlich David Frum, für eine Gegenrede aufgeboten hat. (1) Frum, akademisches Mitglied des American Enterprise Institute, schrieb Ende Oktober, daß „die Amerikaner, die sich am meisten Sorgen um das Öl machen, zur Ablehnung von Kriegshandlungen gegen Saddam neigen, weil sie die Auswirkungen auf Saudi-Arabien fürchten.“ Der ehemalige Herausgeber des Wall Street Journal fährt fort: „Hören Sie den ehemaligen Amtsinhabern und herausragenden Beamten zu, die die Irakpolitik des Präsidenten Bush kritisieren - den Brent Scowcrofts und den James Bakers, den Antony Zinnis und den Laurence Eagleburgers - und Sie werden immer und immer wieder das eine Wort hören: Stabilität. Stabilität heißt Öl.“ Irakkrieg nicht um Öl? Frum
weist die Behauptung zurück, daß der Irakkrieg „um den Zugang zum Öl“
geführt werde: „Amerika kann bereits alles Öl kaufen, das es will. Seit
dem arabischen Embargo von 1973/74 hat es keine ernsthafte Bedrohung des
Zugangs zum Öl mehr gegeben, und auch heute gibt es keine. Saddam will mehr
Öl verkaufen, nicht weniger.“ Der
Krieg werde nicht „um billigeres Öl“ geführt: „Ein Preis von 12
bis 15 Dollar (pro Barrel) würde zur Schließung des größeren Teils
der heimischen amerikanischen Produktion führen und die Abhängigkeit des
Landes von Ölimporten von jetzt 50 % in Richtung auf die Zweidrittel- oder
Dreiviertelmarke treiben.“ Soweit
ist Frum überzeugend. Doch am Ende seiner Beweisführung fängt er an zu
wackeln, wenn er behauptet, im Krieg gehe es nicht um „Ölverträge“. Der
Redenschreiber fragt rhetorisch: „Warum sollte eine Regierung - und
besonders eine, die so zynisch ist wie die, für die Mr. (Alan) Simpson
(MP) die amerikanische hält - einen Krieg führen, der 100 Milliarden Dollar
kostet, um Verträge zu erhalten, die 40 Milliarden wert sind?“ Wobei 40
Miliarden der Wert ist, den Frum den irakischen Ölverträgen
zumißt, die im Augenblick in der Hand russischer Ölfirmen liegen. „40
Milliarden ist nur wenig mehr als
die Hälfte des Bruttosozialprodukts von Arkansas“, hebt Frum hervor. Meint
der MP Alan Simson „wirklich, daß ein Präsident, egal wie betrunken er
sein mag, das Leben
amerikanischer Soldaten - und seine eigene politische Zukunft - dafür
riskieren würde?“ Eine imperiale Kosten-Nutzen-Analyse, wie geht das? Um zwei Dinge geht es hier: um den Wert irakischen Öls für US-Konzerne und um die Frage imperialer Kosten-Nutzen-Analyse. Zur zweiten Frage zuerst. Die ganze Geschichte hindurch haben imperiale Mächte mehr für Eroberungs- und Unterwerfungskriege ausgegeben, als aus den gewonnenen oder unterworfenen Kolonien herausgeholt werden konnte. Die US-amerikanischen Kriege in Indochina sind ein schlagendes Beispiel dafür, in welchem Mißverhältnis die wirtschaftlichen Kosten zum erlangten Nutzen stehen können. Die Kosten des Imperiums werden von der Gesellschaft als ganzer getragen, der Nutzen dagegen von den einflußreichen Wenigen. Darum ist es für die, die Politik machen - die ihre Interessen und Ansichten mit den Mächtigen des Landes teilen - vollkommen vernünftig, die Ressourcen der Gesellschaft einzusetzen, um die Interessen der Wohlhabenden und Mächtigen zu sichern, selbst wenn die Ausgaben die Einnahmen bei weitem übersteigen. Die Kosten werden vergesellschaftet, der Nutzen privatisiert. Das ist die Wirklichkeit unserer „freien“ Marktwirtschaft. Die irakischen Ölreserven Was
die Frage materiellen Nutzens anlangt, so läßt Frum in seinem Artikel etwas
Wichtiges aus: die irakischen Ölreserven. Der Irak besitzt die zweitgrößten
sicheren Ölreserven der Welt nach Saudi-Arabien. Die sicheren Ölreserven der
Welt betragen ungefähr 1.000
Milliarden Barrel. Irak hat davon 112 Milliarden, also über ein Zehntel. Wie
die Zeitschrift The Economist ein paar Tage vor Frums Artikel herausstrich,
„winken als großer Preis die Ölreserven des Landes“.(2) UN-Sanktionen
verböten Ausländern das Investieren in Ölfelder, aber „das hat Firmen
nicht daran gehindert, Verträge zu unterzeichnen in der Hoffnung, Felder
ausbeuten zu können, wenn die Sanktionen aufgehoben sind“. Ölfirmen aus
Frankreich, China und Indien, sogar Royal Dutch/Shell, haben Verträge mit
Bagdad unterzeichnet. „Lukoil, ein russischer Ölgigant, hat ein riesiges
Feld mit 11 Milliarden Barrel darunter. Die Firma beabsichtigt, während der
Lebensdauer des Feldes 4 Milliarden Dollar zu investieren, um es
auszubeuten.“ Die
Verträge sind großzügig. Analysten der Deutschen Bank taxieren die Rendite
„in der Größenordnung von 20 %“. Handelsspanne 97% Öl
aus der Nordsee kostet drei bis vier Dollar pro Barrel in der Herstellung.
John Teeling zufolge, „Chef einer der wenigen westlichen Firmen, die
zugeben, daß sie im Irak arbeiten“, könnte die Produktion irakisches Öls
gerade einmal 97 Cent je Barrel kosten: „Neunzig Cent je Barrel für Öl,
das sich zu 30 Dollar verkauft: Das ist die Art von Geschäften, die jeder
gern machen würde. Eine 97%ige Gewinnmarge, damit kann man leben“, sagt
Teeling. Der Economist meint: „Das sind bestimmt schlechte Nachrichten für die, die nicht mit von der Partie sind: die Amerikaner.“ Leute in der US-amerikanichen Ölwirtschaft beteuern, daß ein neues Regime die bestehenden Verträge zerreißen würde, und der Leiter des Iraqi National Congress, einer oppositionellen Dachorganisation, hat offen erklärt, daß „amerikanische Firmen beim irakischen Öl groß dabei sein werden“ - im Falle eines Regimewechsels. Der Economist betont, es sei „schwer vorstellbar, daß die amerikanischen Riesen keinen Weg finden werden, um im Irak nach Saddam ins Geschäft zu kommen - oder Klondike am Schatt-el-Arab, wie manche es nennen.“ Der Irak ab 1932 Irak
war immer ein wichtige Spieler auf dem Ölmarkt am
Golf - dort liegt der Ursprung des Golföls. Als nämlich die Standard Oil of
California sich 1932 die ersten Ölkonzessionen in Saudi-Arabien sicherte,
versuchte ein viel größeres und mächtigeres Konsortium, das Geschäft für
andere zu blockieren: die Iraq Petroleum Company (IPC). Die britisch
beherrschte IPC glaubte nicht daran, daß in Saudi-Arabien Öl gefunden werden
würde (die allgemein übereinstimmende Meinung zu dieser Zeit), und sie hatte
bereits mehr Öl im Irak als sie verkraften konnte. So erlaubte sie den USA,
auf der arabischen Halbinsel Fuß zu fassen. Die IPC, gebildet aus den Vorläufern
von BP, Shell, Total France und Exxon, unterdrückte sogar Meldungen von Ölfunden
im Irak und drückte mit verschiedenen Mitteln die Ölproduktion hinunter, um
den Preis hoch zu halten. Diese restriktiven Praktiken setzten sich von den
Dreißiger Jahren bis in die Sechziger fort, wie der US-Senats-Unterausschuß
über multinationale Konzerne 1974 herausfand. Ein IPC-internes Sammeldokument
aus dem Jahre 1967 ergab, daß die Firma große Ölreserven entdeckt hatte,
aber sie hatte „die Brunnen verstopft und sie überhaupt nicht verzeichnet,
weil die Zugänglichkeit solcher Informationen die Verhandlungsposition mit
dem Irak erschwert hätte.“ Im Anschluß an ein gemäßigtes Nationalisierungsgesetz 1961, das der IPC die Schürfrechte auf den Gebieten entzog, auf denen es augenblicklich nicht schürfte, meinte ein Beamter des State Department, „daß ein ziemlich begründeter Fall - besonders in einem Schiedsverfahren - daraus gemacht werden könnte, daß die IPC eine Neidhammel -Politik im Irak betrieben habe. Sie habe alle Wettbewerber ausgeschlossen oder geschluckt. Gleichzeitig habe sie ihre Produktion in Übereinstimmung mit den übergreifenden weltweiten Interessen der beteiligten Gesellschaften gesteuert und nicht ausschließlich in Übereinstimmung mit den Interessen des Irak.“ Andreas Lowenfeld merkte an, daß „ dies natürlich einer der Hauptvorwürfe der irakischen Regierung gegen IPC war“. Alte Rechte Der
Konflikt zwischen den Firmen und der Regierung
erreichte 1972 einen Höhepunkt, als der Irak das Eigentum der IPC
verstaatlichte. Nach einer mühseligen
Schlacht unterschrieb schließlich am 28. Februar 1973 IPC die
Versstaatlichungsvereinbarung und erhielt eine Entschädigung von Bagdad.
Jetzt haben die Überlebenden des IPC-Kartells, drei der größten
Publikumsgesellschaften der Welt, nämlich BP, Shell und ExxonMobil, darauf
hingewiesen, daß sie den Sturz Saddam Husseins für einen Kampf um ihre alten
Besitzungen ausnutzen könnten. Sie argumentieren, daß die Entschädigung-/Verstaatlichungsabmachung
unter Zwang unterschrieben worden sei. Eine künftige irakische Regierung könnte
sich einem gewaltigen juristischen Entschädigungsfall zu einem sehr ungünstigen
Zeitpunkt gegenüber sehen. Professor Thomas Walde, früher der interregionale UN-Hauptberater für Öl- und Gasrecht, meinte mit Blick auf die Ölgesellschaften: „Wenn ich ihr Berater wäre, würde ich das zu einem Ass bei Verhandlungen mit der neuen Regierung machen. Es dürfte eine Rolle spielen beim Rennen um neue Rechte.“ So geht es also um viel, sowohl was Aufträge zum Wiederaufbau der irakischen Ölindustrie anlangt, als auch, was den Erwerb neuer Konzessionen an der ursprünglichen Quelle des Öls am Golf betrifft - mit phänomenalen Gewinnen am Horizont. Es
geht noch um mehr. 1958 faßte der britische Außenminister Selwyn Lloyd die britischen Interessen am Golf so zusammen:
Die
physische Versorgung mit Öl und der Preis des Öls waren zentrale Anliegen,
richtig. Ebenso aber war es die Investition des kuwaitischen Teils der
Ölgewinne in britische Finanzmärkte. Zur Veröffentlichung frei
gegebene US-Dokumente besagen, daß „das Vereinigte Königreich betont,
seine finanzielle Stabilität wäre ernsthaft gefährdet, wenn das Petroleum
aus Kuwait und dem Persischen Golf-Gebiet vom Vereinigten Königreich nicht zu
vernünftigen Bedingungen erhältlich wäre, wenn das Vereinigte Königreich
der umfangreichen Investitionen dieser Region im Vereinigten Königreich
beraubt wäre und wenn das Pfund Sterling der Unterstützung durch das Öl vom
Persischen Golf entbehren müßte.“ Dies
ist kein Krieg um Öl. Dies ist ein Krieg um die Hoheit über die Gewinne, die
aus dem Öl fließen. T:I:S, Übersetzung und Zwischenüberschriften, Februar 2003
Anmerkungen des Übersetzers(1) David Frum: Myth II: America Wants War with Saddam Because of Oil. Daily Telegraph (London) October 22, 2002 - Internet: American Enterprise Institute, Google Archiv(2) Saddam more than doubles exports of oil in charm offensive. The Economist 15-10-02. In: Alexander’s Gas and Oil Online http://www.gasandoil.com/goc/news/ntm24432.htmMilan Rai ist der Autor von „War Plan Iraq: Ten Reasons Against War“ (Verso 2002) und Mitglied von Active Resistance to the Roots of War (Arrow). Er ist außerdem Mitbegründer von Voices in the Wilderness UK, die sich für die Aufhebung der UN-Sanktionen im Irak eingesetzt haben. *
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