Ukraine

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Ukraine siehe auch Fahrt nach Bulbonia und Holocaust

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Laut Bertelsmann: Funktionierende Autokratie - defekte Demokratie

In einem Land wie Belarus, das immer noch als klare Autokratie bezeichnet werden muss, wird die sozioökonomische Lage besser bewertet, weil wir hier noch vor einem Übergang zur Demokratie, noch vor einer ökonomischen Systemtransformation stehen. Die Probleme, die damit verbunden sind, wenn das alte staatssozialistische System aufgegeben wird und marktwirtschaftliche Reformen durchgeführt werden, haben noch gar nicht begonnen. 

In der Ukraine dagegen befinden wir uns mitten im Prozess. Das führt zu entsprechenden sozialen Verwerfungen in Form von Arbeitslosigkeit und Verarmung. 

Deutsche Welle

Kommentar: Helmut Kohl versprach, nach der Einheit werde es keinem schlechter und vielen besser gehen. - Wie ein heller Kopf bemerkte, haben wir die Einheit: Kohl habe ja gesagt: nach der Einheit. 

T:I:S, 22. Februar 2008. Dank an den holländischen Blitz

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Thomas Immanuel Steinberg

Odessa - Brody

Kiew schaut in die Röhre

Seit 2001 verbindet eine 674 km lange Ölpipeline den ukrainischen Schwarzmeerhafen Odessa mit der westukrainischen Stadt Brody nordöstlich von Lviv, siehe Karte. Sie sollte die Ukraine und die westlich orientierten Nachbarländer mit kaspischem Öl versorgen und somit von russischen Lieferungen unabhängig machen. Auch ein Löschterminal bei Odessa stand bereit. 

Doch die Verlängerung der Leitung zu den Raffinerien im zentralpolnischen Plock ist bis heute nicht gebaut. Die ukrainische Leitung rostete vor sich hin, bis die Regierung 2004 beschloß, die Fließrichtung umzukehren: Seitdem fließt russisch zugliefertes Öl gegen Transitgebühren von Brody nach Odessa und wird dort in Tanker verladen, zur Weiterfahrt ins Mittelmeer durch den völlig überlasteten Flaschenhals Bosporus. Die orangen Revolutionäre hatten mit Zitronen gehandelt.

Der ukrainischen Wende-Pipeline, ausgelegt auf eine Tageskapazität von 300 000 Barrel (1 Barrel = 159 Liter), war inzwischen Konkurrenz erwachsen, durch die BTC-Leitung von Baku nach Ceyhan mit einer über dreifachen Kapazität von einer Million Barrel pro Tag nach dem Endausbau.


Europäisches Puzzle. Die Meere sind weiß dargestellt.                   Quelle: Wprost

Zur Zeit verfügt das BTC-Konsortium unter US-amerikanisch-britischer Führung über eine Kapazität von 500 000 Barrel pro Tag. Es bemüht sich zusätzlich zum aserischen Rohöl um Auslastung durch den gleichen Stoff wie die Ukrainer: um kasachisches Rohöl. Doch Kasachstan nutzt die kleine kombinierte Pipeline-Eisenbahnverbindung von Baku nach Supsa und Batumi am Schwarzen Meer. (1) Vor allem aber exportiert Kasachstan über die CPC-Pipeline und den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Auch China bekommt kasachisches Öl. Der BTC-Ausbau auf eine Million Barrel, angekündigt für 2008/2009, und dessen Auslastung stehen daher in den Sternen.

Die ukrainischen Leitungsanbieter wollen nun nicht weiter hintan stehen. Auf einer Konferenz im litauischen Vilnius am 10. Oktober 2007 vereinbarten sie mit Polen, Litauen, Georgien und Aserbeidschan (2) die Finanzierung einer Machbarkeitsstudie über die 500-Kilometer-Verlängerung ihrer Leitung bis zum polnischen Plock. Der kasachische Ölminister Sauat Mynbayev indes erkärte bereits auf der Konferenz, Kasachstan werde weiter über Rußland exportieren. Aserbeidschan, obwohl an der Machbarkeitsstudie über die Verlängerung nach Polen beteiligt, steht beim BTC-Konsortium in der Pflicht.

Der Belieferung von Odessa stehen die Kosten des Tankertransports über das Schwarze Meer entgegen. Eine Ölpipeline von Georgien durchs Schwarze Meer nach Odessa wiederum müßte die auf der Karte nicht verzeichnete zweirohrige Ergasleitung Blue Stream kreuzen, die ein Terminal bei Noworossijsk mit dem türkischen Samsun verbindet: offenbar ein großes technisches Problem. 

Von den politischen Turbulenzen in Georgien gar nicht zu reden.

T:I:S, 20. November 2007

Anmerkungen

(1) Chevron to Resume Oil Transportation Via Azerbaijan. Vremya Novostei, March 17, 2006
(2) Ein kurzer deutschsprachiger Pressespiegel von Ria Novosti gibt teilweise die Belange der beteiligten Staaten wieder. 

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Zhitomir, Ukraine, Donnerstag, 11. April 2007  

Teilnahmslos

Lisas Bildbericht von einem Demonstrationstag in Kiew

 

Hallo Thomas, 

Du weißt, wie fern ich der Politik stehe, doch gern erzähle ich, was mir durch den Kopf geht.

Die Kiewer hatten heute wieder einmal viel Besuch.

Aber sie schienen ganz gleichgültig zu sein. Als ob sie nur bei ihrer täglichen Arbeit gestört würden, durch die Menschenmassen und die Staus, die sich dadurch gebildet hatten.

Ein Paar vor einem Geschäft im Zentrum, die Augen nach dem Platz der Unabhängigkeit gerichtet: „Nimmst Du das alles wahr? Ich kann das nicht für die Wirklichkeit nehmen.“

Doch der Reihe nach.

Um halb sechs morgens war ich schon am Zentralplatz von Zhitomir, um Plätze im Bus nach Kiew für meine fünf Freundinnen zu besetzen. Einige Busse für ungefähr 50 Passagiere und weitere fünf komfortable Kleinbusse standen bereit. Da kamen die Meinen, und pünktlich um sechs fuhren wir ab.  Wir hatten einen „Leader“, eine vom täglichen Einsatz erschöpfte, aber trotzdem energiegeladene junge Frau. Sie war ständig auf Draht, um alles zu organisieren.  In unserem Bus fuhr ein Junge mit, der Gruppenälteste. Er war für unser Kommando zuständig.

Ich bin eingeschlafen – sodass meine Freundin mich in die Liste mit den Namen eintragen musste.

Etwa um acht waren wir bereits an der Kiewer Stadtrand-Station Akademgorodok. 


Ankunft am Kiewer Stadtrand


Wir sollten mit der Metro bis Arsenalnaja fahren. In der Metro war, wie immer um diese Zeit, Gedränge, doch man konnte „die Unseren“ gut erkennen: an einer Plastiktüte mit einer Decke zum auf dem Boden Sitzen und einem kleinen Regenschirm für jedes Wetter. An der Arsenalnaja draussen wurden schon Marschkolonnen zusammengestellt.

Mit rosa, blau-weissen und roten Flaggen.


Rosa - nicht wie Luxemburg, sondern wie Sozialdemokraten

In Kolonnen zogen wir an einem großen Zeltlager vorbei durch den Marijinskij Park zum Unabhängigkeitplatz. Jemand sagte, die  würden 300 Hryvnia (= 60 Dollar) für zwei Tage und die Übernachtung im Zelt bekommen. Das könnte stimmen. 


60 Dollar für 36 Stunden

Überall waren Polizisten zu sehen.


Für alle Fälle

Am Platz waren wir etwa um elf, sodass wir uns nach ein paar Schnappschüssen trollen konnten. Wo wir auch hingebummelt sind – im McDonald’s, beim Eiskaufen oder im Globus-Einkaufszentrum unter dem Unabhängigkeitsplatz – überall haben wir unsere trendige Jugend aus Zhitomir getroffen. Wer an der Mode kein Interesse hatte und Geld sparen wollte, langweilte sich am Unabhängigkeitsplatz.

Um zwei war Khreschtschatik durchlaufen – ich bin zu unseren Mädchen und Jungen mit den Flaggen zurückgekehrt.

In den Zeitungen konnte man lesen, 50- bis 70-Tausend Leute würden heute Janukowitsch unterstützen – um seinem Willen entsprechend den Abgeordneten ihre warmen Plätzchen zu erhalten. 


Unterstützer, die kommunistische Zeitung in der Tüte 

Und tatsächlich – es waren viele Schilder zu sehen mit Aufschriften wie „Malin, Zhitomirer Gebiet“, „Korosten, Zhitomirer Gebiet“ und „Donetsker Gebiet“.


Blick von oben

Von der Tribune hörte man immer wieder jemanden schreien – oder singen.

Dabei ist alles gut vorbereitet, gut durchgeführt – und so verlogen. Musik gab es für jeden Geschmack – Volksmusik für arme Bauern vom Lande, ein paar gute ganz kurze DJ-Scratchs für uns, und natürlich die grausigen Chansons – Lieblingsmusik der Busfahrer und Kriminellen.


Ein Tag mit Volksmusik in der Hauptstadt

Die jungen Leute hielten sich teilnahmslos an ihren meist weiß-blauen, manchmal roten Flaggen fest oder führten witzige Gespräche im kleinen Bekanntenkreis, oder sie spielten mit der Fahne im heftigen Wind.  


Teilnahmslose Teilnehmer

Die Älteren trugen ihre roten, aber auch manchmal weiß-blauen Flaggen als letzte kleine Hoffnung.


Kleine Hoffnung

Die Östlichen, die Regionalen, die Weißblauen kämpfen also jetzt mit ihrem Waffen gegen die Orangen, und nichts hat sich seit 2004 geändert. Dieselben politischen Techniken – man bringt eine große Menschenmasse aufs „Majdan“ – je mehr, desto besser natürlich. Und man schreit allen ewig belanglose Sachen ins Ohr. Sehr gelungen hörten sich Worte an wie: UNSER Boden. Der Präsident lügt. Das Schicksal unseres armes Volkes. Sein ewiges Elend …

Die Hauptsache ist dann aber, alles noch einmal im Fernsehen anschauen zu lassen, um noch einmal zu beweisen, dass die Ideen in erster Linie vom ukrainischen Volk getragen werden.

Durch eine Truppe bewaffneter Militärs mit Blechsperren getrennt, fand  500 Meter weiter zur gleichen Zeit eine andere, ganz kleine Demo statt. 


Getrennte Gegner

Die Orangen sammelten sich am Europäischen Platz – man hatte nicht einmal den Verkehr daneben gestoppt: lauter junge Menschen, aber jeder von ihnen trug eine orange Flagge. 


Drüben die Gegner

Ganz wenige Alte gruppierten sich mit orangen Flaggen um die Szene und hörten sich die Live-Musik an. Es waren aber sichtlich keine Bauern. Und die Musik war gut, obwohl national ausgerichtet. Hier war es also lustiger. Ich musste aber zurück.


Orange war lustiger

Wir mussten bis fünf Uhr auf dem Platz bleiben (wie alle Tage vorher), aber, „welch ein Pech“, die Hauptperson, Mister Janukowitsch sollte uns besuchen. Der eindrucksvollen TV-Brücke Kiew-Kharkow-Donetsk-Dnepropetrowsk zufolge war Janukowitsch der Superstar des Tages.

Alles lief friedlich ab, eben wegen der Teilnahmslosigkeit. Doch wenn jemand im allgemeinen Affekt von der Tribune aus zur Attacke auf die benachbarten Orangen geblasen hätte, wer weiss, was dann passiert wäre.


Kiew blieb friedlich

Auf der Rückfahrt im gleichen Bus drückte „unser Leader“ allen Teilnehmern ihren Dank aus und lud zur Demo am nächsten Tag ein. Jeder, der auf der Liste unterschrieb, bekam von unserem Gruppenältesten 80 Hryvnia, das sind 16 Dollar.

Mit einem herzlichen Gruss aus Zhitomir, Lisa 

T:I:S, 13. April 2007

Copyright aller Fotos: Lisa

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Bei der Krise in der Ukraine geht es auch um die Verteilung von Privatisierungsprofiten, siehe jW, T:I:S, 13. April 2007 

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Nicolas Verdan

Kiew: Das Uhrwerk Orange läuft rückwärts

Ein Jahr nach der Revolution, die von der EU und dem atlantischen Bündnis gesteuert, finanziert und unterstützt wurde, schicken die Ukrainer ihre T-Shirts an den Absender zurück. Sie schenken ihr Vertrauen wieder der pro-russischen Partei, die man für rückwärts gewandt und blindwütig antidemokratisch hielt. Ob das gut oder schlecht ist, hängt vom Standpunkt ab. 

Ist das von der post-sowjetischen Diktatur befreite Volk masochistisch? Nein, nur realistisch. Es ist reif für die Demokratie, die man ihm im November 2004 auf dem Silbertablett serviert hat. Zum Mißfallen der Paten in Brüssel und Washington bekamen die Ukrainer sehr schnell Gelegenheit, die Bitterkeit der orangen Medizin zu kosten. Frei ja, aber frei dazu, sich allein im Dschungel einer Marktwirtschaft durchzuschlagen, deren mögliche Nebenwirkungen viele nicht kannten: Korruption, Preisanstieg, Streichung von Unterstützungen. Frei, sich frei zu nennen, also auch so frei, zur ersten, der moskowitischen Liebe zurückzukehren. 

Das westliche Schweigen in dieser Angelegenheit ist ohrenbetäubend. Wer hält für die Ohrfeige für die gerechte demokratische Hinwendung der Ukraine zum westlichen Heilsbringer die Backe hin? Niemand. Die Paten des Fortschritts im Osten pfeifen heute auf das Schicksal der Ukrainer. Welches parlamentarische Gleichgewicht sich nach dem Urnengang auch immer einstellen mag – orange-durchmischt pro-russisch oder orange ganz pro-russisch –  die EU und die atlantische Allianz hatten in einem Jahr mehr Zeit als genug, ihre Interessen in der Ukraine zu sichern. Nein, jetzt gibt es Wichtigeres: Belarus wackelt auf dem totalitären Sockel. Die Anlieferung blauer Farbe ist zu sichern. Minsk muß sich bei Kiew Anregungen holen. Rosa, blau, alles außer rot – sag’ es mit Farben. Pech, wenn der erste saure Regen den Anstrich wegwäscht. Hat jemand gesagt, eine Revolution werde dafür gemacht, daß sie hält?

Übersetzung eurotopics.net und T:I:S, 27. März 2006 

Quelle: Nicolas Verdan:  A Kiev, la mécanique orange fait marche arrière. 24heures.ch, Leitartikel, 27. März 2006

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