Une autre voix juive

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Die Union juive française pour la paix (Jüdisch-französische Vereinigung für den Frieden) hat den Israelischen Botschafter bei der Republik Frankreich, Herrn Nissim Zvili gebeten, den zuständigen israelischen Stellen ihre Bitte um Freilassung von vier eingesperrten Kriegsdienstverweigerern zu übermitteln. Hier der Anfang des Schreibens auf Deutsch, danach das ganze Schreiben  auf Französisch.

 

Sehr geehrter Herr Botschafter, 

wir schreiben Ihnen wegen vier Kriegsdienstverweigerern, die gegenwärtig in Israel im Gefängnis sitzen: Alex Cohen, Wissam Qablan, Orwa Zidan und Shaul Mograbi-Berger. Sie sind von einem Militärgericht verurteilt worden, weil sie sich geweigert haben, in der Besatzungsarmee zu dienen. Die Hoffnung auf Sicherheit und Frieden für die Israelis beruht nicht auf der kolonialen Unterdrückung, die die Armee Ihres Landes der palästinensischen Bevölkerung auferlegt. Sie beruht auf den Gerechten in Gesellschaft und Armee, die begriffen haben: Ohne Gerechtigkeit für das palästinensische Volk wird es keinen Frieden geben. 

Die Union juive française pour la paix bekundet daher ihre Solidarität mit den vier jungen Männern, die sich entschlossen haben, ihrem Gewissen zu folgen statt den Befehlen der politischen und militärischen Verantwortlichen, die an der Macht sind. Israel bringt sich in den Verruf, junge Menschen zu mißhandeln, deren Vorstellung von Gerechtigkeit Israel nur zur Ehre gereicht...

*

U J F P  UNION JUIVE FRANÇAISE POUR LA PAIX 

Section de l’UNION JUIVE INTERNATIONALE POUR LA PAIX

                                                                                              PARIS, le 21 septembre 2005

AMBASSADE D’ISRAEL
M. Nissim ZVILI, Ambassadeur
3 rue Rabelais,

75008 PARIS

OBJET : Objecteurs de conscience

Monsieur l’Ambassadeur,

Nous vous écrivons au sujet de quatre objecteurs de conscience actuellement incarcérés en Israël : MM. Alex Cohen, Wissam Qablan, Orwa Zidan et Shaul Mograbi-Berger. Ils ont été condamnés par un tribunal militaire pour avoir refusé de servir dans l’armée d’occupation. L’espoir de sécurité et de paix pour les Israéliens ne repose pas sur la répression coloniale que l’armée de votre pays inflige à la population palestinienne. Il repose sur des Justes qui, dans la société civile et dans l’armée, ont compris qu’il n’y aura pas de paix sans justice pour le peuple palestinien. Ainsi, l’Union juive française pour la paix exprime sa solidarité envers ces quatre jeunes hommes qui ont choisi d’écouter leur conscience plutôt que d’obéir aux ordres des responsables politiques et militaires au pouvoir. Israël se déconsidère à maltraiter des jeunes dont les idées de justice lui feraient plutôt honneur. 

            Notre démarche s’inscrit dans un souci de respecter les normes démocratiques. A notre avis Israël, à l’instar de nombreux pays civilisés, doit reconnaître le statut d’objecteur de conscience. L’UJFP demande la mise en liberté de ces quatre objecteurs et considère que ce sont des officiers qui ont commis des crimes de guerre dans les Territoires qui doivent être incarcérés à leur place. A ce titre nous saluons l’initiative du PCHR et de Yesh Gvul, qui a permis le dépôt de plaintes pénales à l’étranger contre des officiers qui déshonorent Israël, tels Doron Almog, Moshé Yaalon et Dan Haloutz. 

Nous vous demandons de bien vouloir transmettre notre requête aux autorités politiques, judiciaires et militaires compétentes. De plus, nous vous demandons de tout faire en votre pouvoir pour exhorter les autorités israéliennes à libérer les quatre jeunes objecteurs, et à coopérer avec les autorités judiciaires britanniques dans l’instruction des plaintes contre les officiers précités. 

            En vous remerciant de votre diligence, recevez, Monsieur l’Ambassadeur, l’assurance de ma considération distinguée. 

                                                                                              Richard WAGMAN

                                                                                              Président, UJFP

Union Juive Française pour la Paix (UJFP), 21 ter rue Voltaire, PARIS
Tél.: 01 42 02 5976
·Fax: 01 42 02 59 77·e-mail : ujfp(at)filnet.fr

T:I:S, 21. September 2005

 

Spenden per Kreditkarte an Yesh Gvul für die Kriegsdienstverweigerer in Israel (man nennt sie refuseniks) hier klicken.

*

 

Juden gegen Scharon-Besuch 

Die französischen Juden für den Frieden in Nahost (Union juive française pour la paix, UJFP) werden am 9. Juli 2005 gegen den Besuch von Ariel Scharon in Paris demonstrieren. Sie wollen um 15 Uhr mit einem Transparent von der Place du Châtelet zur Place de l’Opéra spazieren. Scharon verstoße systematisch gegen UN-Resolutionen, gegen die Genfer Konvention und gegen eine Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs. Scharon wolle weder Frieden, noch Gerechtigkeit. Er sei in Frankreich nicht willkommen.

Dagegen heißen die französischen Juden diejenigen Israelis willkommen, die sich gegen die Besatzung Palästinas stellen und sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen: "Refusniks, also Soldaten, die sich weigern, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun; die Koalition gegen die Mauer (darunter die jungen "Anarchisten gegen die Mauer"), die Frauenbewegungen gegen die Mauer, darunter die Frauen in Schwarz, die jeden Freitag an öffentlichen Plätzen demonstrieren; das israelische Komitee gegen Häuserzerstörung (ICAHD); Zochrot, die Vereinigung zur Erinnerung an die verschwundenen palästinensischen Dörfer und an die Nakbah; die israelisch-palästinensischen Vereinigungen, darunter Ta'ayush (=Zusammenleben) und AIC (Alternatives Informationszentrum); und Intellektuelle und Journalisten, die regelmäßig ihre Stimme  erheben, um die Wahrheit über die Lage zu verbreiten."

Quelle: Rundbrief der UJFP vom 30. Juni 2005, Gratisbezug über ujfp(at)filnet.fr 

T:I:S, 1. Juli 2005

*

Thomas Immanuel Steinberg

Gegenbeweis gesucht

Ariel Scharons Aufruf an die französischen Juden, nach Israel auszuwandern, kommt nicht aus heiterem Himmel

Im Zuge des Nahost-Konflikts kommt es in Frankreich vermehrt zu Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen. In Reaktion darauf forderte Ariel Scharon vor knapp einer Woche die französischen Juden auf, »sofort« nach Israel auszuwandern. Im Vorfeld hatte eine dreiundzwanzigjährige Französin Aufsehen erregt, als sie berichtete, mit ihrem Baby in einem Pariser Vorortzug von arabischen und afrikanischen Jugendlichen ausgeraubt, als Jüdin beschimpft und mit Hakenkreuzen beschmiert worden zu sein; Mitreisende hätten tatenlos zugesehen. Nach einigen Tagen gestand sie, daß diese Geschichte frei erfunden war. Der vermeintliche Angriff hatte große Empörung ausgelöst; Präsident Jacques Chirac verurteilte ihn als »beschämend«. Später betonte der Staatschef, er bedauere seine Erklärung nicht, verwandte sich aber gegen »Manipulationen«. Seit gestern steht die Frau wegen Vortäuschens einer Straftat vor Gericht. (jW)

»Willkommen bei den französischsprachigen Surfern in Israel«, heißt es seit Mai auf einer Webseite. Wer in der Biotechnologie Human Ressources managen will, als Verpackungsdesigner für Elektronikartikel eine Qualifikation mitbringt oder einfach bei der israelischen Polizei anheuern will, findet hier den passenden Link. Das Polizeiangebot zu lesen, erfordert Hebräischkenntnisse. Kein Problem: Immigranten mit jüdischem Großelternteil erhalten einen sechsmonatigen Sprachkurs mit Unterhaltsbeihilfe. Der Kontakt zu Hélène Engel, seit neun Jahren in Israel, oder einer von 300 anderen »Frankophonen« läßt sich per Mausklick herstellen. Zum Diskutieren in einer Newsgroup geht’s zurück nach Frankreich, zu voilà.fr unter israel.francophones.

Scharons Aufforderung an die französischen Juden, vor dem muslimischen Antisemitismus nach Israel zu fliehen, kommt nicht aus heiterem Himmel. Die israelische Webseite gliedert sich ein in die Werbung der Jewish Agency um französische Jüdinnen und Juden. Seit einigen Monaten errichtet die Agency Büros in Frankreich und veranstaltet Ausstellungen, Aktionen der Offenen Tür und Studien-Salons. Sie will 30 000 Franzosen ans andere Ufer des Mittelmeers holen. Denn Israel brauche mehr Zuwanderung aus dem Westen. Frankreich sei in den Augen der Agency eine Gemeinde von großem Wert – für Biotechnologie, Verpackungsdesign und israelische Polizei, ist wohl gemeint. Seit 1948 fanden 70 000 Franzosen den Weg nach Israel, zur Zeit pro Jahr zwischen zwei- und dreitausend der geschätzten 600 000 französischen Juden. Wie viele tatsächlich bleiben, veröffentlicht die israelische Regierung nicht.

In der mit der Willkommensseite verlinkten israelisch-französischen Newsgroup kann man lesen, daß der Islam eine Religion der Arschlöcher sei (Article 59476) oder Muslime Kinder vergewaltigen würden (Article 59482). Ein Kafir und ein Doolittle, offenbar arabische Sparringspartner, liefern die Stichworte.

Scharons Krieg gegen die Palästinenser, Araber und Muslime ist nicht erst per Newsgroup in Frankreich angekommen. Roger Cukierman, Präsident des Dachverbandes jüdischer Organisationen in Frankreich (CRIF), hatte einen Wahlerfolg von Le Pen als Warnung an die Muslime in Frankreich gewertet. Ministerpräsident Scharon, fand der CRIF-Präsident ein andermal, solle ein Propagandaministerium einrichten, »wie Goebbels«.

Zahlreiche linke Juden hatten sich der jüdischen Rechten in mehreren Aufrufen entgegengestellt. »Une autre voix juive« erklärte sich mit den Palästinensern solidarisch. (Erstunterzeichner)

 

Ein Unterzeichner des Appels „Une autre voix juive“: Jack Steinberger, Physik-Nobelpreisträger, geboren in Bad Kissingen, Viehhändler-Sohn

Scharon lenke die Sorge der Juden um Israel in nationalistische und rassistische Bahnen. 

Ein Unterzeichner des Appels „Une autre voix juive“:  Enzo Traverso, Autor von „Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah“

Michèle Sibony ist Vize-Präsidentin der Union der französischen Juden für den Frieden (Union Juive Française pour la Paix / UJFP), die sich in Opposition zum CRIF gebildet hat. Sie erklärte: »Sieht man von Israel ab, leben in keinem anderen Land so viele Juden und Araber zusammen wie in Frankreich. Und dazu noch, was sehr wichtig ist, innerhalb einer republikanischen Demokratie, die zumindest im Prinzip allen die gleichen Rechte nach dem Motto Liberté-égalité-fraternité zusichern möchte. Das ist eine Herausforderung für Scharon. Er will den Gegenbeweis erzwingen und beweisen, daß Juden und Araber nicht miteinander auskommen können.«

Ein Unterzeichner des Appels „Une autre voix juive“: Pierrre Vidal-Naquet, Historiker und Philosoph. Eltern von den Nazis ermordet.

Wenn die jüdische Gemeinde Frankreichs zum Opfer und zur Zielscheibe des Antisemitismus gerate, schwäche das zum einen die offizielle französische Regierungsposition, die in Israel als araberfreundlich gilt.

Ein Unterzeichner des Appels „Une autre voix juive“: Stéphane Hessel, Diplomat, KZ Buchenwald, Sohn von Franz Hessel, dem Jules in „Jules et Jim“

 Zum anderen solle der Beweis erbracht werden, daß auch französische Juden und Araber nicht zusammenleben können, weil sie von Grund auf gegensätzlich seien, was die von der israelischen Regierung verfolgte Politik der Separation und Diskriminierung rechtfertigen würde.

Ein Unterzeichner des Appels „Une autre voix juive“: Raymond Aubrac mit seiner Frau Lucie Aubrac, beide Widerstandskämpfer in Lyon unter Klaus Barbie

Scharons Aufruf an die französischen Juden, sofort nach Israel zu kommen, bringt Cukiermans CRIF in Bedrängnis. Einerseits billigt Cukierman Landraub und Beschneidung von Wege- und Wasserrechten der Palästinenser, andererseits muß er um den Bestand seiner Communauté, der religiös und laizistisch eingestellten Gemeinde, besorgt sein. Nicht die Massenauswanderung droht – für Juden ist das Leben in Frankreich nach wie vor beschaulich im Vergleich zu dem in Israel – sondern Mitgliederschwund.

Auch Ministerpräsident Scharon und die Jewish Agency werden nicht allzu fest daran glauben, daß 30 000 französischen Juden in nächster Zeit nach Israel kommen. Ein Leitartikel von Le Monde bietet eine andere Erklärung an: 57 Prozent der Israelis lehnen Frankreich ab. Auch in den USA wird Frankreich für ein antisemitisches Land im Herzen Europas gehalten. Scharon könnte mit seiner Antisemitismus-Kampagne beabsichtigen, Europa aus dem politischen Spiel im Nahen Osten herauszuhalten. Dann würden Israel und die USA allein den israelisch-palästinensischen Konflikt regeln, und Europa bliebe auf die Rolle als Bankier beschränkt.


Aus: junge Welt vom 27.07.2004 Feuilleton http://www.jungewelt.de/2004/07-27/018.php

T:I:S, 27. Juli 2004

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