Alexander Wöstmann

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 Alexander Wöstmann

»Wir müssen die Sache ganz neu denken« 

Wappnet sich die Industrie, wenn Benzin zu teuer wird? Thomas Immanuel Steinberg im Gespräch mit Alexander Wöstmann 

Der Holländer betreibt die englischsprachige Internetseite www.gasandoil.com  mit über 150.000 Besuchern pro Monat. Er veröffentlicht Expertisen zu technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen der Öl- und Gasgewinnung.


Alexander Wöstmann im Oktober 2004 in Koblenz                        foto tofoto

F: Herr Wöstmann, der Benzinpreis liegt hoch wie nie. Ist das Öl bald alle?

Nein. Es gibt noch riesige Mengen Öl. Aber nicht alles davon ist förderbar. Vielleicht ist das auch gut so.

F: Warum?

Denken Sie an das Klima. Aber die Ursachen für den hohen Benzinpreis sind komplex. Hauptgrund ist die Spekulation. Es gibt nämlich inzwischen deutliche Zeichen für eine Rohölschwemme. Zur Zeit wird mehr gefördert als verarbeitet. Vor der jüngsten Preissteigerung gab es zu wenig Förderung – oder, was dasselbe ist, eine unerwartet hohe Nachfrage. Die kam aus China, aus den USA, und – was oft vergessen wird – aus Indien. Indien hat höhere Wachstumsraten als China.

Die Händler kassieren außerdem eine Kriegsprämie. Große Investmentfonds sind eingestiegen und spekulieren auf die Angst vor eine Krise, also auf Knappheit. Das treibt den Preis hoch. Vor dem Irak-Krieg lag der Spekulationsaufschlag bei fünf bis zehn Dollar pro Barrel, jetzt bei zehn bis fünfzehn Dollar. Der nächste Faktor: An den Finanzmärkten zählt kurzfristiger Gewinn. In den Worst-Case-Szenarien wird mit einem Preisabsturz von jetzt weit über 40 Dollar je Barrel hinunter bis zu 15 Dollar gerechnet. Das hält von Investitionen ab.

F: Wollen die Kapitalisten keine Gewinne machen?

Doch natürlich, aber sie scheuen die lange Frist. Investitionen in Ölanlagen rentieren sich nach frühestens sieben bis zehn Jahren.

F: Mobil Oil behauptet in seiner Übersicht »Öldorado«, das Öl der Welt reiche noch für Jahrzehnte. Vielleicht wird das Öl teurer, aber es gibt doch weiterhin Öl?

Ja. Ich kenne eine BP-Untersuchung, die sagt das auch. Die Crux dabei: Sie prognostizieren Reserven für weitere 40 Jahre, aber aus heutiger Sicht. Heute beträgt die Weltförderung 82 bis 84 Millionen Barrel pro Tag. Das ist ihre Annahme. Doch es werden wohl bis 2020 106 Millionen Barrel pro Tag sein, eine Steigerung um ca. 25 Prozent. Damit würden die Reserven nur noch 30 Jahre reichen. Andererseits – die Sache ist wirklich kompliziert – wird das Öl nicht nur teuer bleiben, sondern noch teurer werden. Off-Shore-Öl, Polar-Öl, da ist die Förderung einfach kostpieliger. Also wird Öl langfristig teilweise durch andere Energieträger ersetzt werden. Die Kraftwerke werden auf Gas umstellen, die Autos werden mit Bio-Diesel oder anderen Brennstoffen fahren. Dann reichen die Ölreserven doch länger als 30 Jahre.

F: Kann auch auf Ölsand und Ölschiefer umgestiegen werden?

Jein. Die Umweltprobleme bei Ölsand sind enorm. Das Öl im Sand muß erhitzt und dadurch flüssig gemacht werden. Das passiert mit Erdgas. Ein erheblicher Teil der Energie, die aus Ölsand gewonnen wird, muß vorher als Erdgas hineingesteckt werden. Das ganze Verfahren bewirkt einen gewaltigen CO2-Ausstoß. Dann: Nicht alles im Ölsand ist Öl, es fällt viel Dreck an. Und schließlich: Bei der Gewinnung von einem Barrel Öl aus Sand werden sechs Barrel Wasser verbraucht, in wasserarmen Gebieten. Das Wasser fehlt dann an anderer Stelle.

F: Und Ölschiefer?

Da ist es noch schlimmer.

F: Noch einmal zur Verbrauchssteigerung. Welche Bedeutung hat China?

Die ganze chinesische Wirtschaft brummt. Heute gibt es rund 22 Millionen Autos in China. 2003 wurden vier Millionen Autos verkauft und jährlich wächst der Markt um dreißig Prozent.

F: Unter Ökologen wird seit längerem die Peak-Oil-These vertreten. Zieht nun die Ölwirtschaft nach?

Umgekehrt. Aus der Ölindustrie kam die Überlegung: Wenn die Nachfrage steigt, und das Angebot ist nicht mehr weiter steigerbar, weil alle Felder sich irgendwann erschöpfen und nicht mehr im gleichen Ausmaß ausbeutbar sind, dann ist der Peak, der Gipfel der Ölproduktion, überschritten. Es kommt zur Krise. Colin Campbell, der auf dem Global Peak Oil Gathering in Koblenz reden wird, kommt aus der Ölindustrie. Jetzt ist er pensioniert, und er warnt. Den Ökologen paßte die These natürlich in ihr Konzept.



Pumpt auch sonntags in Hamburg-Reitbrook - T:I:S-Foto

F: Und die Gegenargumente?

... kommen von den ölproduzierenden Staaten.

F: Wappnet sich die Autoindustrie für den Fall, daß Benzin zu teuer wird?

Es gibt ein Zusammenspiel zwischen Autoindustrie und Regierungen in Richtung auf größere Effizienz der Motoren. Gleiche Leistung mit weniger Brennstoff.

F: Betreibt Deutschland eine vernünftige Energiepolitik?

Das sieht so aus. Deutschland ist da fast Weltmeister. Die Kernenergie, meine persönliche Meinung, ist langfristig nicht haltbar. Die Ölindustrie gibt es seit 150 Jahren, das Auto seit 100 Jahren. Im Vergleich sind die Arbeiten zu erneuerbaren Energie noch ganz jung. Vor gut 20 Jahren fing das an. Wir müssen die Sache ganz neu denken. Besonders die größeren Länder müssen auch über dezentrale Energiegewinnung nachdenken.

* Alexander Wöstmann veranstaltet am 19. und 20. Oktober in Koblenz ein Global Peak Oil Gathering mit Colin Campbell (Bild), Douglas B. Reynolds, University of Alaska, Dr. Simonow aus Moskau, Prof. dos Santos aus Sao Paulo und weiteren Fachleuten unter anderm aus Indien, Südafrika, Australien, Saudi-Arabien, Norwegen, Deutschland, Holland, und der Schweiz. Programm und Anmeldung unter www.gasandoil.com/peakoil   

Das Interview erschien in der jungen Welt vom 5. Oktober 2004; siehe auch Peak Oil vom 5. Oktober 2004.

T:I:S, 5. Oktober 2004 

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